Alkoholverbot an Autobahnraststätten wankt

KONTROVERSE ⋅ Sollen Konsumenten an Autobahnen Wein und Bier trinken dürfen? Kommenden Mittwoch entscheidet der Ständerat als Zweitrat darüber. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung und Suchtexperten warnen.
11. September 2017, 00:00

Das Alkoholausschankverbot an Autobahnraststätten war 1964 zusammen mit der Promillegrenze eingeführt worden. 1982 erlaubte die Waadtländer Regierung überraschend dem Betreiber der Autobahnraststätte der A9 in Yvorne, während einer einjährigen Versuchsphase Bier und Wein auszuschenken. Die Gäste mussten allerdings eine Hauptmahlzeit essen, um Alkohol trinken zu dürfen, und es musste eine Auswahl alkoholfreier Getränke günstiger angeboten werden als das billigste alkoholische Getränk. Probleme mit dem Alkoholausschank schien es, so damals eine Zwischenbilanz nach einem Monat, keine zu geben. Trotzdem untersagte das Bundesgericht auf Beschwerde des Eidgenössischen Departements des Inneren den Alkoholausschank wieder.

Doch nun hat sich das Blatt gewendet. Auf eine Kommissionsmotion hin entschied der Nationalrat am vergangenen 13. Juni mit 115 zu 62 Stimmen, den Alkoholausschank an Autobahnraststätten wieder zu erlauben. Philipp Hadorn (SP/SO), Präsident des Blauen Kreuzes, hatte vergeblich mit Unfallzahlen argumentiert. Zwar betrage der Anteil der Unfälle, bei denen Alkohol eine Rolle gespielt habe, noch 11 Prozent und sei rückläufig. Trotzdem sollte aus seiner Sicht aus Gründen der Verkehrssicherheit am Verbot festgehalten werden.Bundespräsidentin Doris Leuthard, welche die Aufhebung des Alkoholverbots befürwortet, konterte, der grösste Teil der Unfälle mit Verletzten sei auf übersetzte Geschwindigkeit zurückzuführen. Eigentlich müsse man innerorts den Zugang zu Alkohol verbieten, sagte sie gestützt auf die Unfallstatistik. Aber auf dem Nationalstrassennetz, wo rund 40 Prozent des Verkehrs abgewickelt werde, werde offenbar die Regel «Wer fährt, trinkt nicht, und wer trinkt, fährt nicht» beachtet.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) und Suchtexperten wollen das Alkoholausschankverbot an Autobahnraststätten beibehalten. Die BfU befürchtet, dass vermehrt unter Alkoholeinfluss gefahren würde. Studien zeigten, dass eine höhere Verfügbarkeit von Alkohol zu einer Zunahme alkoholbedingter Probleme wie zum Beispiel Autounfällen führe. Aus Sicht der Verkehrssicherheit sei es paradox, von den Junglenkern zu verlangen, ganz auf Alkohol zu verzichten, ihnen aber gleichzeitig in Verpflegungsstätten speziell für Autofahrer Alkohol anzubieten.

Die Suchtfachorganisationen sehen Leib und Leben der Verkehrsteilnehmer gefährdet. Das Alkoholverbot an Autobahnraststätten reduziere den Alkoholkonsum genau dort, wo er zu einer unmittelbaren und lebensbedrohenden Gefahr für Dritte werde. (sda)


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