Autobahnen werden sicherer

VERKEHR ⋅ Die schweren Autounfälle auf Autobahnen sind stark rückläufig. Für bürgerliche Politiker ist dies ein Grund mehr, den Alkoholverkauf in den Raststätten zu erlauben. Die Gegner warnen just davor.
13. Juni 2017, 00:00

Roger Braun

Heute dürfte es im Nationalrat emotional werden. Die Absicht der nationalrätlichen Verkehrskommission, das Alkoholverbot an Autobahnraststätten aufzuheben, hat Suchtfachverbände und linke Verkehrspolitiker aufgeschreckt. Das Blaue Kreuz richtete vergangene Woche einen offenen Brief an den Nationalrat, in dem es eindringlich davor warnt, den Verkauf freizugeben. «Das Alkoholverbot auf Raststätten rettet Leben», sagt deren Präsident und SP-Nationalrat Philipp Hadorn (SO). «Dieses wegen eines kleinen Gewinnausfalls aufzugeben, ist völlig daneben.»

Unerwähnt bleibt im Brief, dass es immer weniger Leute gibt, die betrunken Auto fahren. Seit Längerem gehen die alkoholbedingten schweren Unfälle zurück; im Schnitt der vergangenen zehn Jahre um jährlich 4,3 Prozent. Auf den Autobahnen ist der Rückgang besonders markant. Registrierte die Beratungsstelle für Unfallversicherung im Jahr 2006 noch 44 schwere Unfälle im Zusammenhang mit Alkohol, sind es heute mit 21 weniger als die Hälfte (siehe Grafik). Den Hauptgrund sehen Verkehrsexperten im Mentalitätswandel in der Bevölkerung. «Heute ist es nicht mehr okay, nach dem Restaurantbesuch ab und zu mal betrunken nach Hause zu fahren», sagt Nicolas Kessler von der Beratungsstelle für Unfallverhütung. Zu diesem Meinungsumschwung beigetragen haben auch gesetzliche Verschärfungen. Im Jahr 2005 fiel die Promillegrenze von 0,8 auf 0,5 Promille. Seit gut drei Jahren gilt zudem für Neulenker ein Alkoholverbot während einer dreijährigen Probezeit.

«Eigenverantwortung funktioniert»

SVP-Nationalrätin Nadja Pieren (BE) steht zusammen mit FDP-Nationalrat Kurt Fluri (SO) und CVP-Nationalrat Fabio Regazzi (TI) hinter der Motion zur Liberalisierung des Alkoholverkaufs an den Autobahnraststätten. Sie fühlt sich durch die jüngste Statistik bestärkt. «Die Zahlen zeigen auf, dass sich die Autofahrer verantwortungsvoll verhalten, wenn sie sich auf der Strasse bewegen», sagt sie. Den Schweizer Automobilisten attestiert sie grossen Respekt vor den Verkehrsregeln. «Deshalb können wir es der Verantwortung jedes Einzelnen überlassen, ob jemand auf der Autobahnraststätte Wein oder Bier einkaufen will oder nicht.» Für Pieren ist es sowieso ausgemachte Sache, dass sich jene Leute, die sich im Shop oder im Restaurant eindecken, an die Promillegrenze halten. «Entweder es sind Mitfahrer, die beispielsweise auf einer Carreise sind, oder Fahrer, die ihre Einkäufe für Zuhause tätigen.»

Gegner sehen Präventionserfolg bedroht

SP-Nationalrat Philipp Hadorn vom Blauen Kreuz sieht das ganz anders. «Es ist erfreulich, dass die Präventionsmassnahmen gegen Alkohol am Steuer endlich greifen», sagt er. «Umso absurder ist es, ausgerechnet jetzt einen massgeblichen Teil dieses Massnahmenpakets herauszubrechen.» Für ihn unterläuft die Aufhebung des Verkaufsverbots an den Raststätten die erfolgreiche Präventionsarbeit der vergangenen Jahre. «Es ist völlig widersprüchlich, wenn man die Automobilsten dazu anhält, die Hände vom Alkohol zu lassen, und gleichzeitig den Verkauf von Alkohol an Autobahnen erlaubt», sagt Hadorn. Für ihn liegt es auf der Hand, dass mit der Liberalisierung der Alkoholmissbrauch auf den Autobahnen zunehmen wird. «Studien weisen klar darauf hin, dass mehr Verkaufsstellen den Alkoholkonsum fördern.»

Wenn heute Nadja Pieren im Nationalrat für die Liberalisierung weibelt, tut sie dies das erste Mal mit der Unterstützung des Bundesrats. Dieser hatte sich bisher immer gegen die Aufhebung des Verbots ausgesprochen, nun unterstützt er die Motion. Dies dürfte die Chancen erhöhen, dass eine Mehrheit aus SVP, FDP und CVP den Vorstoss befürwortet.


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