Das Ende des «Verräters»

JEMEN ⋅ Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh ist tot. Für Saudi-Arabien bedeutet das einen Rückschlag. Und der Bürgerkrieg droht vollends ausser Kontrolle zu geraten.
05. Dezember 2017, 00:00

Das iranische «Press TV» hatte den Tod Ali Abdullah Saleh zuerst gemeldet. Der jemenitische Ex-Präsident sei gestern ausserhalb der Hauptstadt Sanaa bei Gefechten mit den schiitischen Huthi-Rebellen getötet worden. Tatsächlich dürfte der 75-jährige Politiker ermordet worden sein. Das geht aus einem ins Internet gestellten Handyfilm hervor. Darauf ist zu sehen, wie Huthi-Krieger Salehs Leiche auf die Ladefläche eines Pritschenwagens wuchten. Der vermutlich durch einen Kopfschuss niedergestreckte «Anführer der Verräter» habe seine «gerechte Strafe» bekommen, brüllen die Männer völlig enthemmt. Die Aufnahmen erinnern an die letzten Stunden des libyschen Diktators Muammar el Ghadhafi, der auch von seinem Volk ermordet und gelyncht worden war.

Saleh regierte den Jemen mehr als drei Jahrzehnte autokratisch. Vor fünf Jahren wurde er im Zuge des Arabischen Frühlings zum Rücktritt gezwungen. Am letzten Samstag hatte er seine taktische Allianz mit den Huthis endgültig beendet und Saudi-Arabien direkte Gespräche zur Beendigung des Bürgerkriegs angeboten. Es sei an der Zeit, eine neue Seite im Verhältnis mit den «Brüdern der benachbarten Staaten» aufzuschlagen, verkündete Saleh über das Fernsehen.

Bombardements in der Hauptstadt

Wenige Stunden später erstürmten die schiitischen Milizionäre Salehs Residenz und andere strategisch wichtige Stellungen in Sanaa, welche die Truppen des Ex-Präsidenten zuvor erobert hatten. Salehs Truppen wurden im Endkampf um Sanaa massiv von der saudischen Luftwaffe unterstützt. Sie bombardierte gestern auch den Flughafen von Sanaa, wo sich Schlüsselstellungen der Huthis befinden, sowie wichtige Ministerien in der Hauptstadt des Jemens, die wegen ihrer einzigartigen Architektur von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

Die Saudis wollten es Salehs Truppen ermöglichen, sich von den Huthi-Milizen zu befreien, die vom Iran unterstützt werden. Doch diese verkündeten nach dem Tod Salehs siegesgewiss das «Ende der Meuterei». Dabei ist es noch völlig unklar, wie sich die jemenitischen Bürgerkriegsparteien nach dem gewaltsamen Ende ihres Ex-Präsidenten positionieren werden. Vieles spricht dafür, dass das ärmste Land der Welt jetzt weiter im Chaos versinkt, die humanitäre Krise sich weiter verschärfen und der Bürgerkrieg nun völlig ausser Kontrolle geraten wird.

Saudis streben einen klaren Sieg an

Für Saudi-Arabien und seinen Kronprinzen Mohammed bin Salman ist Salehs Tod ein schwerer Rückschlag. Mit dem Versprechen eines schnellen Sieges hatte der mächtigste Mann in Riad vor zweieinhalb Jahren den Krieg gegen den Jemen begonnen. Eine Verhandlungslösung mit den Huthis, die als verlängerter Arm des verhassten Irans betrachtet werden, kam für bin Salman ­niemals in Frage. Er strebt einen klaren Sieg an, für den Riad in den letzten Wochen offenbar den jemenitischen Ex-Präsidenten gewinnen konnte.

Was Saleh, einst ein Verbündeter des Irans, für seine Kehrtwende angeboten wurde, wird wohl niemals bekannt werden. Ohne Gegenleistung, betonen politische Beobachter in Sanaa, habe sich der jemenitische Ex-Präsident nicht bewegt. Bei ihm habe alles seinen Preis gehabt.

Michael Wrase, Limassol


Anzeige: