Das harzige Ende des Eigenmietwerts

PARLAMENT ⋅ Von links bis rechts ist man sich einig: Der Eigenmietwert soll abgeschafft werden. Und trotzdem scheiterten bislang alle Anläufe für einen Systemwechsel. Klappt es diesmal?
14. August 2017, 00:00

Wer in der Schweiz das Pensionsalter erreicht, kann sich finanziell oft keine grossen Sprünge erlauben. Muss man noch eine Hypothek abbezahlen, wird das Geld noch knapper. Und dann muss man auch noch Steuern berappen auf ein Einkommen, das man gar nicht bekommt: Die Besteuerung des Eigenmietwerts ist für viele Hauseigentümer nicht nur ein Ärgernis, sondern auch eine erhebliche finanzielle Belastung. «Wir erhalten immer wieder Anfragen von Leuten, die sagen: ‹Ich weiss nicht, wie ich dieses Jahr meine Steuern bezahlen soll›», sagt Katja Stieghorst vom Hauseigentümerverband (HEV).

Gut 10000 Empfänger von AHV-Ergänzungsleistungen waren 2015 in Besitz von selbstbewohntem Wohneigentum. Das entspricht sieben Prozent aller Empfänger (Heimbewohner nicht mitgezählt). Wie stark sie durch die Eigenmietwertbesteuerung belastet werden, ist nicht bekannt. Unbestritten ist indes, dass diese Belastung in den letzten Jahren zugenommen hat. Denn die Immobilienpreise sind in den meisten Regionen markant gestiegen. Zugleich sind die Hypothekarzinsen gefallen. Die Zinszahlungen können Hauseigentümer von den Steuern abziehen.

Hauseigentümer geben sich kompromissbereit

Kein Wunder, drängt der HEV auf einen Systemwechsel – und zeigt sich bereit, Konzessionen zu machen. Bislang forderte der Verband zwar die Abschaffung des Eigenmietwerts, wollte aber zugleich gewisse Abzüge (neben Schuldzinsen etwa für Unterhaltskosten) beibehalten. Oder er schlug ein Wahlrecht vor, so dass jeder Eigentümer das System hätte wählen können, mit dem er am besten fährt. Nach den zahllosen gescheiterten Anläufen will sich der HEV nun aber mit einem «reinen» Systemwechsel zufriedengeben, mit dem auch die Abzüge wegfallen würden. Er unterstützt eine entsprechende Parlamentarische Initiative aus der Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) des Ständerats. Heute kommt das Geschäft in die nationalrätliche Schwesterkommission.

Die Chancen, dass diese zustimmt, stehen gut. Irgendwie scheinen nämlich alle Politiker im Bundeshaus für die Abschaffung des Eigenmietwerts zu sein – bloss bei der konkreten Umsetzung scheiden sich die Geister. Die Baselbieter SP-Nationalrätin und Präsidentin der WAK, Susanne Leutenegger-Oberholzer, hat bereits vor einem Jahr einen Vorstoss für einen Systemwechsel eingereicht. Sie begründet diesen vor allem mit den negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen des heutigen Systems. «Die Möglichkeit, Hypothekarzinszahlungen von den Steuern abzuziehen, schafft einen Anreiz zur Verschuldung.» Dass die Privatverschuldung in keinem Land so hoch ist wie in der Schweiz, habe wesentlich mit dem Steuersystem zu tun.

Das perfekte System gibt es nicht

Für den Luzerner CVP-Nationalrat Leo Müller ist der Systemwechsel eine Frage der Fairness. «Insbesondere ältere Hauseigentümer haben ihre Hypothek zu einem grossen Teil oder vollständig zurückbezahlt. Sie werden durch die Besteuerung des Eigenmietwerts am stärksten belastet.» Der Schweizerische Mieterverband befürwortet eigentlich die Eigenmietwertbesteuerung. «Im Prinzip wäre es richtig, dass der Hauseigentümer den Eigenmietwert als Naturaleinkommen versteuern muss», sagt Generalsekretär Michael Töngi. Aufgrund der vielen «Steuerschlupflöcher», die in das gegenwärtige System eingebaut worden seien, spricht sich der Verband dennoch für einen Systemwechsel aus. Man werde aber genau darauf achten, dass das Parlament keine neuen Abzüge für Eigentümer einführe.

Im Grundsatz scheint man sich also einig zu sein, dass der Eigenmietwert abgeschafft werden soll. Allerdings könnte eine Systemänderung neue Ungerechtigkeiten schaffen. Wer beispielsweise sein Haus vermietet und gleichzeitig an einem anderen Ort ein identisches Objekt mietet, würde steuerlich benachteiligt gegenüber seinem Nachbarn, der im eigenen Haus wohnt, obwohl die Wohnsituation beider im Ergebnis identisch ist. Das perfekte System der Wohneigentumsbesteuerung gibt es nicht. Vielleicht sind die politischen Debatten darüber genau deshalb so hitzig.

Lukas Leuzinger


Leserkommentare

Anzeige: