Das Sozialwesen boomt

WACHSTUM ⋅ Die Zahl der Beschäftigten im Sozialwesen hat in den vergangenen Jahrzehnten überdurchschnittlich zugenommen – und das Wachstum dürfte weitergehen. Kritiker fordern nun Massnahmen.
07. August 2017, 00:00

Michel Burtscher

Der St.Galler SVP-Nationalrat Thomas Müller wählt deutliche Worte, wenn er auf die Entwicklung im Sozialwesen angesprochen wird: «Wir müssen wirklich aufpassen – es geht ins Uferlose.» Zu viele Stellen seien in dieser Branche geschaffen worden in den vergangenen Jahren, das Sozialwesen habe sich zu einer Industrie entwickelt.

Tatsächlich arbeiten immer mehr Personen im Sozialbereich: Die Zahl der sogenannten Vollzeitäquivalente – also wenn die Teilzeitstellen auf Vollzeitstellen hochgerechnet werden – ist zwischen 1995 und 2013 von 121000 auf 209000 gestiegen, wie Forscher der Beratungsfirma BSS Basel und der Hochschule Luzern berechnet haben. Berücksichtigt werden hierbei nicht nur Per­sonen mit sozialen Berufen wie ­Sozialarbeiter oder Betreuungsfachleute, sondern auch kaufmännische Angestellte oder Köche, die im Sozialbereich arbeiten.

Überdurchschnittliches Wachstum

Ein Vergleich mit anderen Branchen zeigt: Dieses Wachstum ist überdurchschnittlich. Während die Beschäftigung der ganzen Schweizer Wirtschaft im gleichen Zeitraum um 16 Prozent gewachsen ist, ist sie im Sozialwesen um 73Prozent angestiegen. Diese Entwicklung ist laut Donat Knecht, Dozent am Departement für Soziale Arbeit der Hochschule Luzern sowie Mitautor der Studie, primär dem gesellschaft­lichen Wandel geschuldet.

So leben immer mehr Menschen in der Schweiz, und sie werden gleichzeitig immer älter. Damit steigt der Bedarf nach Betreuerinnen und Betreuern. Laut Knecht sind zudem immer mehr Menschen den Anforderungen der heutigen Arbeitswelt nicht mehr gewachsen. Sie seien darum öfters auf die Unterstützung des Sozialstaats angewiesen. Schliesslich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch das Rollenverständnis von Mann und Frau verändert – was dazu führt, dass für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mehr Personal in den Kindertagesstätten benötigt wird. «Das ist eine Entwicklung, die von der Politik so gewollt ist und finanziell gefördert wird», betont Monika Weder, Präsidentin von Savoir Social, der Dachorganisation der Arbeitswelt ­Soziales. Tatsächlich ist es ein Ziel der Fachkräfte-Initiative des Bundes, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die familienergänzende Kinderbetreuung hat er bisher mit mehreren hundert Millionen Franken unterstützt.

Kritik von rechts an bisheriger Politik

Im Vergleich zu anderen Ländern wird das Sozialwesen in der Schweiz zwar stark von privaten Trägern dominiert, wie Knecht betont. Trotzdem kommt das Geld dafür mehrheitlich von der öffentlichen Hand. Wenn die Zahl der Beschäftigten steigt, nehmen für die Steuerzahler also auch die Kosten zu. Das führt zu politischen Diskussionen, denn ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht. «Wenn alle Einflussfaktoren gleich bleiben, wird die Zahl der Beschäftigten weiterhin stark zunehmen», sagt Knecht. Je nach Szenario steigt die Zahl der Vollzeitäquivalente laut den Forschern bis 2030 auf zwischen 292000 und 343000 (siehe Grafik). Ein Fachkräftemangel sei absehbar, sagt Knecht.

Nationalrat Thomas Müller betont, dass das Wachstum im Sozialwesen gebremst werden müsse. Wie das geschehen soll, ist für den SVP-Politiker klar: «Geld entziehen und die Zahl der Stellen begrenzen.» Auch im Sozialwesen zeige sich die Tendenz, dass sich der Staat immer mehr in persönliche Angelegenheiten der Bürger einmische, findet Müller. Was hält man in der Branche von solchen Forderungen? «Ob das Wachstum begrenzt werden muss, ist eine gesellschaftliche und politische Frage», sagt Monika Weder diplomatisch. Sie betont aber: «Gegen die demografische Entwicklung kommt man nicht an – und ein Leistungsabbau im Sozialwesen wäre schade und wirtschaftlich gesehen auch nicht nachhaltig.»

«Gegen die demografische Entwicklung kommt man nicht an.»

Monika Weder

Savoir Social, Dachorganisation der Arbeitswelt ­Soziales


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