Der Chefredaktor weiss zu dirigieren

MEDIEN ⋅ Der gerade mal 30-jährige Flavio Bundi ist für viele überraschend neuer Chefredaktor des romanischen Radios und Fernsehens. Dem früheren Personalchef der Schweizergarde und Chorleiter fehlt die journalistische Praxis.
15. Juli 2017, 00:00

Pech! Eigentlich haben wir uns mit Flavio Bundi zum Gespräch auf eine Bank beim Stadtbrunnen in Ilanz verabredet. Doch dann zog ein Gewitter auf, und wir flüchteten unter den Sonnenschirm einer Gartenwirtschaft.

Flavio Bundi ist vom Verwaltungsrat der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR zum neuen Chefredaktor von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) gewählt worden, wird dort ab Herbst die Radio-, TV- und Online-Angebote verantworten.

Nun sitzt er uns also gegenüber: Ein freundlicher Dreissigjähriger in Pulli und Jeans. Entspannt sitzt er da, aber stets voll präsent, und es gelingt ihm im Handumdrehen, eine gute Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Die nicht nur freundlichen Medienberichte der letzten Tage, die sich auf sein Alter und die fehlende journalistische Praxis bezogen, scheinen nicht nachzuwirken, ihn gegenüber Medienvertretern zurückhaltend zu machen: Das Gespräch ist offen, Bundi weicht nie aus, flüchtet nicht ins Floskelhafte. Schliesslich doch noch auf die Medienberichte angesprochen, hat er eine einfache Antwort: Nicht das Alter, die erbrachte Leistung zähle am Ende.

Darauf vertraut ganz offensichtlich auch RTR. Man entschied sich dort für den jungen Mann, nachdem die Chefredaktor-Suche komplizierter war als gedacht: Weil in einer ersten Runde niemand aus dem Kandidatenfeld richtig überzeugte, schaltete RTR einen Headhunter ein, der schliesslich Bundi präsentierte.

Im Bündnerland verankert

Zur Diskussion stand mit ihm ein Kandidat, der in Ilanz geboren, aufgewachsen und dort heute noch verankert ist. Die Maturität erwarb er in der Klosterschule im nahen Disentis. Flavio Bundi hat nach der Matur jedoch nicht einfach ein Studium begonnen, sondern sich – wir sind im katholischen Teil Graubündens – erst einmal der päpstlichen Schweizergarde in Rom verpflichtet. Das Besondere dabei: Er blieb nicht nur die üblichen zwei, sondern gleich vier Jahre in Rom, war schliesslich Personalchef und Medienverantwortlicher der Garde. An diesen Auslandaufenthalt schloss sich ein Studium der Germanistik, der Politik- und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Medien und Kommunikation an der Universität Bern an. In jene Zeit fällt ferner auch ein Engagement als freier Mitarbeiter des «Bündner Tagblatts».

Beruflich ist Bundi gegenwärtig als stellvertretender Geschäftsleiter des Dachverbandes Schweizer Jugendparlamente tätig. Dabei ist er vor allem für «easyvote» zuständig. Das Programm «easyvote» informiert leicht verständlich über Abstimmungsgeschäfte mit dem Ziel, junge Stimmbürger an die Urne zu bringen. Politisches Wissen sowie didaktische Fähigkeiten sind dazu vonnöten.

Flavio Bundi ist lediglich Wochenaufenthalter in Bern. Die enge Verbindung mit dem Kanton seiner Herkunft wollte er durch all die Zeit nie kappen. Dies hat einen speziellen Grund: In der Klosterschule erwachte seinerzeit Bundis Begeisterung für die Musik. Eigentlich als Spätberufener wandte er sich dem Piano zu, begann bald schon zu komponieren und zu dirigieren. Heute ist Bundi im Bündnerland als Komponist und Chordirigent bekannt – und anerkannt: Erst kürzlich hat ihn der Kanton für sein kulturelles Engagement ausgezeichnet.

Ein interessanter Lebenslauf, zweifellos. Noch interessanter ist indes, wie Flavio Bundi das Gelebte und Erreichte selber einordnet. Zum Beispiel die vier Jahre bei der Schweizergarde in Rom: Hat er da nicht Zeit vertrödelt? «Im Gegenteil», sagt er, «ich habe Zeit gewonnen.» – Wie bitte? «In Rom habe ich nicht nur hinter die Kulissen des Vatikans blicken können, ich habe mir auch die italienische Sprache erschlossen.» Zudem habe er gelernt zu dienen – «eine auch im zivilen Leben nützliche Eigenschaft». Vor allem aber sei er in das grosse kulturelle Angebot der Weltstadt Rom eingetaucht, was ihn bis heute bereichere. Schliesslich war da auch genügend Zeit, sich über die Zukunft Gedanken zu machen und einmal gefasste Entscheide dann umso zielgerichteter umzusetzen.

Nun aber war der jüngste berufliche Schritt nicht planbar, er kam unverhofft. Und so wird Flavio Bundi ab November 80 Mitarbeiter zu führen haben – nicht mehr nur einige wenige wie heute. Bauchschmerzen deswegen? Er unterschätze die Herausforderung nicht, sagt er. Eine solche Situation sei für ihn allerdings nicht neu: Bundi erwähnt beispielhaft den gestandenen Chor, den er als noch nicht Dreissigjähriger vom Vorgänger übernahm, der ihn seinerseits 40 Jahre lang leitete. «Beurteilt mich nicht aufgrund meines Alters, sondern aufgrund meiner Arbeit!», hat Bundi den Sängern gesagt und sie ermuntert, Kritik stets offen zu äussern, damit man Lösungen finden könne. Dies habe sich bewährt.

Bis Flavio Bundi seine neue Stelle antritt, bleibt noch etwas Zeit. Er will sie nutzen und dort ansetzen, wo er noch Defizite hat. Das ist weniger im politischen, im kulturellen oder gesellschaftlichen Bereich. Im Handwerklichen aber schon. Der designierte Chefredaktor will deshalb noch lernen, wie Radio- und Fernsehbeiträge konkret entstehen. «Ich muss nicht alles selber können, aber ich muss wissen, was an Arbeit dahintersteckt», sagt er.

Solchermassen vorbereitet wird Flavio Bundi im Herbst wohl erneut vor die Leute – seine Leute – treten und wiederum sagen, was er seinerzeit bei der Übernahme des Chors schon sagte: «Beurteilt mich nicht aufgrund meines Alters, sondern aufgrund meiner Arbeit!»

Richard Clavadetscher, Ilanz

«Urteilt über meine Arbeit – nicht über mein Alter.»

Flavio Bundi

Neuer Chefredaktor RTR


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