Der Gewiefte aus der Surselva

PARLAMENTARIER ⋅ Der junge Bündner CVP-Nationalrat Martin Candinas versteht sich als Lobbyist der peripheren Schweiz. Und er lobbyiert erfolgreich, wie sich bei der rätoromanischen Tageszeitung gerade wieder zeigt.
09. August 2017, 00:00

Richard Clavadetscher, Chur

«Die Bilder hängen halt noch nicht», sagt Martin Candinas entschuldigend und weist auf mehrere, die am Boden an der Wand lehnen. Der Grund dafür: Die Familie Candinas ist erst vor wenigen Wochen eingezogen in diese lichtdurchflutete Wohnung mit den grossen Fenstern und den offenen Räumen in Chur.

Chur ist nicht Zürich. Hier kann man noch eine Wohnung auswählen, die zu einem passt. Die Candinas’ haben sich für diese Wohnung entschieden – eine Wohnung, in der man sich nicht verkriechen kann, «die den Austausch mit der Aussenwelt leicht macht». Sie entspricht zweifellos dem Wesen dieses kontaktfreudigen Bündner Gewerblersohns und heutigen CVP-Nationalrats, eines Netzwerkers, der nah am Volk sein will und es nach Meinung des Stimmvolks auch ist. Hätte es sonst bei den Wahlen im Jahr 2015 den damals 35-jährigen Martin Candinas nach gerade mal vier Jahren im Nationalrat mit dem zweitbesten Resultat (hinter Heinz Brand von der SVP) wiedergewählt?

Verkehrspolitiker unter anderem

Eigentlich ist Candinas Verkehrspolitiker, jedenfalls sitzt er in der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen. Wer nun aber meint, dass er sich nur gerade zu diesen Geschäften zu Wort meldet, geht fehl. Der schlanke Fast-zwei-Meter-Mann hat auch etwas zu sagen, wenn es etwa um Wirtschaftsfragen, den Service public, die Post, die Zweitwohnungen, die Wasserkraft oder die Medien geht. Die Aufzählung ist nicht abschliessend. Trotz dieser Vielfalt: Alle seine Einlassungen und Vorstösse haben etwas gemeinsam. Es geht meist darum, für periphere Regionen und Minderheiten einzustehen. Der Kanton Graubünden mit seinen Rätoromanen steht bekanntlich für beides, und die Bündner sehen gern, wie der immer noch junge Mann aus der Surselva für ihre Belange kämpft. Zum Beispiel jetzt gerade wieder, wo es darum geht, die einzige romanische Tageszeitung zu retten. Einen entsprechenden Vorstoss Candinas’ beantwortete der Bundesrat noch vor den Ferien mit Wohlwollen.

Martin Candinas weiss sich in Szene zu setzen, wenn er etwas erreichen will. «Ich bin halt von Haus aus ein Verkäufer», sagt er, darauf angesprochen, und schmunzelt. Das ist er in der Tat: Weil Candinas nach der Wirtschaftsmatur unbedingt nicht mehr die Schulbank drücken wollte, absolvierte er ein Praktikum bei der Krankenversicherung Helsana, wurde Kundenbetreuer, dann Filialleiter und schliesslich Leiter der Verkaufskoordination der Generalagentur Chur. Als graue Maus wird man das nicht. Aufgrund der Belastung durch das Nationalratsmandat hat Candinas das Helsana-Pensum inzwischen aber auf 20 Prozent reduziert. Und auch mit der Schule hat er sich ausgesöhnt: Er besuchte berufsbegleitend die höhere Fachschule Südostschweiz in Chur und schloss dort mit dem Diplom als Sozialversicherungsfachmann ab.

Neben der Helsana ist die Politik eine Konstante in Candinas’ Leben. Im katholischen Teil des Kantons aufgewachsen, engagierte er sich schon früh politisch, begann seine Karriere im Vorstand der Jungen CVP Graubünden, um bald auch in der ­Jugendorganisation der CVP Schweiz mitzumischen. Candinas hat sich für die Porta Alpina eingesetzt und – erfolgreicher – für den Nachtbus in die Surselva. Das Angebot gebe es heute noch, sagt er nicht ohne Stolz.

In Rabius wohnhaft, vertrat Candinas bereits ab 2006 die Region Surselva im Bündner Kantonsparlament und präsidierte die Kommission für Gesundheit und Soziales. Bis 2010 war er jüngstes Mitglied des Rates. 2011 setzten die CVP-Delegierten den gerade mal 31-Jährigen auf den ersten Listenplatz für die Nationalratswahlen. Er wurde prompt gewählt und hatte danach mit der Kritik zu leben, da sei ein Junger aber gar schnell zu Amt und Würde gekommen. Seit der glänzenden Wiederwahl ist diese Kritik verstummt.

In der CVP Schweiz sieht sich Candinas «eingemittet», wie er sagt. Mit dem konservativen Kurs des Parteipräsidenten hat er keine Mühe – ausser in gesellschaftspolitischen Fragen. Da sei er ­sozialer eingestellt als Pfister. ­Sozialer vielleicht, aber nicht weniger konservativ, wie Candinas’ Haltung zu Familienfragen und zur Adoption zeigt. Für seine konservative Haltung hatte der Vater von drei Kindern auch schon mal einen Shitstorm im Internet zu überstehen.

«Gleich lange Spiesse für alle!»

Da sind die regionalpolitischen Anliegen unverfänglicher. Candinas’ Vision eines erfolgreichen Kantons Graubünden findet dort Zustimmung. Er kämpft mit aller Kraft dafür, dass das Bündnerland nicht abgehängt wird. Gerade in Infrastruktur- und Service-public-Fragen ist er unerbittlich und will für periphere Regionen «gleich lange Spiesse wie für die Zentren». Nur so nämlich würden sich moderne ortsungebundene Unternehmen auch in abgelegenen Gebieten niederlassen.

Schliesslich ist da noch Martin Candinas, der stolze Rätoromane. Zwar stammt Ehefrau Eliane aus Solothurn, aber der Vater von Laurin, Linus und Lena spricht mit den Kindern Rätoromanisch; sie werden in Chur die zweisprachige Schule besuchen.

Darauf angesprochen, dass das Rätoromanische trotz aller Bemühungen für dessen Erhalt wohl mittelfristig verloren gehen wird aufgrund der zu geringen Zahl der Sprechenden, schweigt Candinas einen kurzen Moment. «Ich weiss», sagt er schliesslich leise. Doch dann obsiegt der Optimismus des guten Verkäufers: «Ach, das Rätoromanische ist schon oft totgesagt worden – und es lebt noch immer.»


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