«Die Auswirkungen sind fatal»

MEDIKAMENTE ⋅ Mit Nachahmerpräparaten liessen sich Millionen einsparen. Axel Müller, Geschäftsführer der Generika-Vereinigung, sagt, wieso dies nicht geschieht und warum tiefere Preise nicht zum Ziel führen.
17. Mai 2017, 00:00

Interview: Balz Bruder

Axel Müller, die Pharmabranche warnt entweder vor dem Bedeutungsverlust des Forschungsstandorts Schweiz oder beklagt den Preiszerfall bei den Medikamenten. Warum das Gejammer?

Ach was, wir jammern überhaupt nicht. Wir machen bloss darauf aufmerksam, dass die Wertschöpfung, welche die Pharmaindustrie schafft, nicht vom Himmel fällt. Und dass wir Generikahersteller zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen schon viel beigetragen haben.

Nun wehren Sie sich abermals – gegen das Referenzpreis- Modell für patentabgelaufene Arzneimittel. Weshalb sind Sie gegen Höchstbeiträge für die Erstattung von Medikamentenpreisen durch die Krankenkassen?

Ganz einfach, weil die Menschen in der Schweiz keine Einschränkung der Wahlfreiheit wollen. Es wäre einfach unsozial, müsste der Patient den Differenzbetrag aus der eigenen Tasche zahlen, wenn nicht das günstigste Medikament zur Anwendung kommt.

Das sagen ausgerechnet Sie als Bannerträger der generischen Industrie. Schlägt da der kaufmännisch denkende Apotheker durch, der Sie sind?

Das hat damit nichts zu tun! Die Schweiz ist schlicht kein Billigmedizinland. Die Leute wollen für das Geld, das sie als Prämienzahler auslegen, eine qualitativ hochwertige Versorgung. Das schliesst selbstverständlich nicht aus, dass auch patentfreie Medikamente zum Einsatz kommen, im Gegenteil. Generika haben auch hierzulande noch viel Potenzial.

Das glauben wir Ihnen gern. Die Medikamente sind in der Schweiz ja auch rund 50 Prozent teurer als im europäischen Ausland.

Ach, diese Platte kennen wir. Ja, es stimmt, dass Generika in der Schweiz teurer sind als beispielsweise in Deutschland. Das hat mit den höheren Lohnkosten, den kleinen Chargen, mit denen die generische Industrie in der Schweiz arbeiten muss, und dem zusätzlichen Zulassungsverfahren bei Swissmedic zu tun. Fakt ist, dass die Preise von Generika sinken – zum Teil bis an den Punkt, wo sich die Industrie fragen muss, ob sich die Produktion noch lohnt.

Sagen Sie uns: Wo liegt das Potenzial der Generika genau – und für wen?

Vorweg: Wenn es keine Generika gäbe, wäre das Prämienvolumen schon heute 1 Milliarde Franken grösser. Das ist ein Betrag, der Jahr für Jahr anfällt. Und es würde mehr drinliegen: Wertmässig beträgt der Marktanteil der Generika bloss 14 Prozent, mengenmässig bloss 27 Prozent. Durch den konsequenten Einsatz könnten jährlich ohne weiteres gegen 200 Millionen Franken zusätzlich eingespart werden.

Weshalb passiert es nicht?

Die Anreize sind falsch! Im Schweizer Medikamentenmarkt gewinnt die beste Marge. Das heisst, die teuren Originale werden bevorzugt, weil Ärzte und Apotheker ökonomisch «bestraft» werden, wenn sie Generika abgeben.

Genau deshalb braucht es in der Schweiz ein Referenzpreissystem.

Das ist eben ein Grundlagenirrtum. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass der Gebrauch von patentierten teuren Medikamenten, die nicht dem Referenzpreissystem unterliegen, steigt, um die Patienten vor dem Ausgleich des Differenzbetrags zu schützen. Umgekehrt führen Preissenkungen zu Mengenausweitungen bei Generika. Der Spareffekt wird also aufgehoben.

Aber die Generika-Preise würden sinken.

Ja, das stimmt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte: Derweil Generikahersteller ihre Preise meist auf Referenzpreis-Niveau senken, sind Originalhersteller versucht, Generika zum Referenzpreis zu lancieren und den Preis des Originals hochzuhalten. Übrigens, Produkte, die nicht dem Referenzpreis unterliegen, werden tendenziell teurer. Das hilft dem Sparen auch nicht, im Gegenteil.

Es herrscht der Eindruck vor, bei den Medikamenten gehe es häufiger um die Preise als um den Patientennutzen. Es sei denn, man könne mit der behaupteten Wahlfreiheit des Patienten Politik in eigener Sache machen.

Nein, nein, so ist das nicht. Es stimmt zwar, dass Ärzte und Apotheker bestimmend sind, wenn es um den Medikamenteneinsatz geht. Das ist auch richtig so, weil sie die Fachleute sind. Vergessen wir aber nicht: Eine sichere und stabile Medikamentierung ist hochgradig sinnvoll für die Patienten. Der preislich bedingte ständige Wechsel von wirkstoffgleichen Medikamenten führt erstens zu mangelnder Therapietreue und zweitens zu Übermedikation. Das ist dann für die Patienten hochgradig schädlich.

Wenn Sie keine Referenz­preise wollen, was wollen sie dann?

Ich sage es so: Das Schweizer Gesundheitssystem braucht Versorgungssicherheit, Wahlfreiheit, Therapietreue und Innovationen. Dazu kann die generische Industrie wesentliche Beiträge leisten. Aber es braucht gleich lange Spiesse, wenn es um den Entscheid zwischen Original und Generikum geht. Es braucht keinen Wechsel zum Referenzpreissystem, weil sich das aktuelle System des differenzierten Selbstbehaltes bewährt hat.

Was passiert, wenn die Waffengleichheit nicht hergestellt und mit Referenzpreisen überlagert wird?

Die Durchdringung des Schweizer Medikamentenmarkts mit Generika ist derart gering, dass die Anbieter bei zu starkem Preiszerfall schlicht die Vermarktung einstellen könnten. Das führt zur Abhängigkeit von wenigen Anbietern und birgt die Gefahr von Medikamentenengpässen. Und nicht nur dies: Auch die Innovation wird abnehmen. Spezielle galenische Formen für Senioren und Kindern beispielsweise werden nicht mehr hergestellt, verwechslungssichere Verpackungen werden verschwinden.

Sie malen den Teufel an die Wand.

Nein, ich beschreibe ein realistisches Szenario. Schauen Sie in die EU, die Referenzpreise kennt. Obwohl der Markt ungleich grösser ist als jener in der Schweiz, sind die Auswirkungen fatal. Wir sollten die Fehler, die in Europa gemacht wurden, nicht importieren.

Zur Person

Der promovierte Apotheker Axel Müller (60) ist seit Mai 2016 Geschäftsführer von Intergenerika, der Vereinigung der führenden Generikafirmen der Schweiz. Der gebürtige Deutsche, der im vergangenen Jahr das Schweizer Bürgerrecht erlangte, ist seit drei Jahrzehnten in führenden Positionen in der Generikabranche tätig.


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