Die fehlenden Millionen der SBB

BAHNVERKEHR ⋅ Die SBB-Infrastruktur schrieb 2016 trotz hoher Subventionen ein Millionendefizit. Gleichzeitig stiegen die Verwaltungskosten. Die SBB führen das Minus auf andere Gründe zurück.
17. Juli 2017, 00:00

Es geht um viel Steuergeld. Allein für die Periode von 2013 bis 2016 erhielten die SBB vom Bund für die Bahninfrastruktur 6,6 Milliarden Franken. Die Gelder sind für die Erneuerung von Schienen und Tunnels und den laufenden Unterhalt bestimmt. Dennoch reichten die Bundesmittel 2016 für den Betrieb nicht aus. Das vergangene Jahr schloss die Division Infrastruktur mit einem Fehlbetrag von 123 Millionen Franken ab. Die SBB führten dies gegenüber der Öffentlichkeit stets auf zusätzliche Unterhaltskosten zurück. Nun räumen sie erstmals ein, dass dabei auch ein anderer Faktor eine Rolle spielte.

«2016 haben wir bei den Trassenerlösen rund 100 Millionen weniger als geplant eingenommen», sagt Marco Dirren, Finanzchef der Division Infrastruktur, auf Anfrage. Dabei handelt es sich um die Gebühren, welche die SBB als Netzbetreiber für jeden Zug erhalten, von Bahnunternehmen im liberalisierten Güterverkehr etwa.

Die Trassenkilometer nahmen gegenüber dem Vorjahr zwar leicht zu, aber der Umsatz war etwas tiefer als erwartet. Pro Jahr verrechnen die SBB Trassen im Umfang von rund 1,1 Milliarden Franken. «Kleine Abweichungen stellen somit grosse Beträge dar und sind für uns direkt ergebniswirksam», sagt Dirren. Rund einen Drittel der Mindereinnahmen konnten die SBB durch Effizienzsteigerungen im Unterhalt und anderswo kompensieren. Insgesamt standen ihnen also rund 60 Millionen weniger zur Verfügung. Höhere Unterhaltskosten trugen «nur» etwa zur Hälfte zum Fehlbetrag bei: 2016 investierten die SBB aus eigenen Mitteln zusätzlich 62 Millionen, vor allem in die Gleisanlagen.

Mehr Geld für den Konzern

Das Bundesamt für Verkehr (BAV) kam in seinem Newsletter bereits im Juni zum Schluss, dass das Defizit der Division Infrastruktur nicht allein auf den zusätzlichen Unterhalt zurück­zuführen ist. Die unter den Erwartungen gebliebenen Trasseneinnahmen dürften dazu beigetragen haben, sagt Sprecherin Florence Pictet. Das genaue Ausmass könne aus Sicht der Aufsichtsbehörde jedoch nicht quantifiziert werden. «Die Ursachen für das Defizit dürften mehrheitlich bei den Ausgabenpositionen liegen.» Zwar ist bekannt, dass der lange vernachlässigte Unterhalt des Bahnnetzes mehr kostet. Auffallend ist aber, dass die Kosten, welche der SBB-Konzern der Infrastruktur verrechnete, in den letzten Jahren stark gestiegen sind. Machten diese 2012 noch 263 Millionen aus, waren es 2016 bereits 366 Millionen. Im Gegensatz zu den Divisionen Infrastruktur und Personenverkehr erhält der Konzern vom Bund keine Subventionen. Gemäss Infrastruktur-Finanzchef Dirren gibt es aber keinen Zusammenhang. «Das negative Ergebnis ist keinesfalls auf höhere Verrechnungen des Konzerns zurückzuführen.» Die Verwaltungskosten seien in den letzten Jahren gestiegen, weil die SBB Leistungen wie das Personal­wesen, die IT, den Rechtsdienst oder die Kommunikation zentralisiert hätten. Es mache Sinn, diese zentral und effizienter zu erbringen. Gleichzeitig sei damit die Kostenbasis der Division gesunken. «Wir schauen stark darauf, dass uns nicht zu viel zurückverrechnet wird», sagt er. Externe Prüfungen seien ebenfalls stets positiv verlaufen.

Ab dem laufenden Jahr dürfte die Division keine Defizite mehr schreiben. Das BAV hat den Beitrag für den Betrieb der Infrastruktur um 100 Millionen erhöht. Dies sei gemäss der Planung der SBB nötig, um eine schwarze Null zu erreichen. Im Vergleich zu den Vorjahren erbringt die Infrastruktur zudem mehr Leistungen. Ob die Abgeltungen korrekt bemessen worden seien, lasse sich erst im Laufe des Jahres abschätzen, sagt BAV-Sprecherin Pictet. Man führe mit den SBB offene Gespräche. Im Gegensatz zum Betrieb dürften die SBB die Mittel für Investitionen auch 2017 nicht ausschöpfen.

Tobias Gafafer


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