Die Schweiz verliert an Attraktivität

ARBEITSPLÄTZE ⋅ Der hiesige Wirtschaftsstandort lockt immer weniger ausländische Firmen an. Ein Grund dafür ist der aggressive Standortwettbewerb, doch auch die Politik ist mitschuldig. Standortförderer mahnen dennoch zur Gelassenheit.
08. August 2017, 00:00

Roger Braun

Es ist das Paradebeispiel einer erfolgreichen Ansiedlung einer Firma in der Schweiz: das Biotechnologieunternehmen Biogen. Das in den USA kotierte Pharmaunternehmen baut im solothurnischen Luterbach derzeit eine hochmoderne Produktionsan­lage und schafft damit ab übernächstem Jahr 400 hochwertige Arbeitsplätze. Insgesamt investiert der Konzern eine Milliarde Franken in der Schweiz.

So beeindruckend dieses Beispiel ist, so ernüchternd ist der Trend der Ansiedlungen. Die Konferenz der kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren erhebt jährlich, wie viele Firmen über die kantonale Standortpromotion in die Schweiz gelockt werden konnten. In den letzten elf Jahren hat sich diese Zahl von über 500 auf 265 halbiert (siehe Grafik). Und die Zahl geschaffener Arbeitsplätze hat noch stärker nachgelassen.

Neue Konkurrenz aus Asien

Hiesige Standortförderer bezeichnen die Schweiz nach wie vor als attraktiv, räumen aber ein, dass andere Standorte aufgeholt haben. «Der internationale Wettbewerb hat insbesondere nach der Finanzkrise 2008/09 angezogen», sagt Hans Jegge von Switzerland Global Enterprise, die im Auftrag des Bundes die Schweiz im Ausland vermarktet. «Länder wie Irland, Grossbritannien, die Niederlande, aber auch Deutschland, Hongkong oder Singapur betreiben intensives Marketing», sagt der Direktor Investment Promotion.

Für Eric Jakob, Leiter der Direktion für Standortförderung beim Staatssekretariat für Wirtschaft Seco, wiegt das umso schwerer, als dass die Schweiz in der Vergangenheit unklare Signale ausgesendet habe. «Die Unsicherheit über die politische Entwicklung der Schweiz war während einer gewissen Zeit deutlich spürbar», sagt er.

Laut Jakob stehen für ausländische Firmen drei Themen im Mittelpunkt, wenn sie sich nach einem Standort umsehen: Der Zugang zum europäischen Markt, die Höhe der Steuern sowie die Rekrutierung qualifizierten Personals. Diesbezüglich habe insbesondere die Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative für Irritationen im Ausland gesorgt, sagt er. Mit der sanften Umsetzung sieht Jakob wieder Klarheit geschaffen. Allerdings macht er neue Unsicherheit am Horizont aus. Die Personenfreizügigkeit – und damit der Zugang zu qualifiziertem Personal aus der EU – wird mit der angekündigten SVP-Volksinitiative erneut ins Visier genommen. Damit stehen auch die bilateralen Verträge mit der EU auf dem Spiel. Schliesslich ist nach dem Nein zur Unternehmenssteuerre- form III nach wie vor unklar, wie die Schweiz den Wegfall der Steuerprivilegien für ausländische Konzerne kompensieren wird. Jakob sagt, dass die Abstimmungskämpfe im Ausland sehr genau beobachtet würden. «Unse­re Mitbewerber sind sich auch nicht zu schade, diese gegen die Schweiz zu verwenden, wenn ihnen dies opportun erscheint.»

Daneben weisen die beiden Standortförderer darauf hin, dass die Schweiz ihre Strategie bei der Ansiedelung geändert habe. «Es ist längst nicht mehr so, dass wir auf Teufel komm raus möglichst viele Firmen in der Schweiz ansiedeln wollen», sagt Jakob.

Zuwanderungsdebatte hat Spuren hinterlassen

Seit einigen Jahren konzentriert sich die Standortförderung auf Branchen wie IT, Maschinenbau und Biowissenschaften. Jakob sagt, dies sei auch eine Folge der Zuwanderungsdebatte rund um die Masseneinwanderungs-Initiative der SVP, die im Jahr 2014 angenommen wurde. «Wir konzentrieren uns seither auf innovative und wertschöpfungsintensive Arbeitsplätze, wenn wir um die Gunst ausländischer Firmen werben.»

Insgesamt geben sich weder Jegge noch Jakob übermässig beunruhigt ob der Entwicklung. Jakob spricht von einem «gesunden Niveau», das die Schweiz erreicht habe. Er stellt darüber hinaus fest, dass die Schweiz in der Gunst der Investoren jüngst wieder aufgerückt sei. Der Wirtschaftsstandort habe sich in der Krise gut behauptet, begründet er. Zudem habe die Unsicherheit in Konkurrenzstandorten zugenommen. Angesichts des Brexit, des Wiederaufkommens des Protektionismus sowie des ungelösten Problems der Euro-Zone nähmen sich die Herausforderungen für die Schweiz geradezu klein aus, sagt er.

CVP-Nationalrat Leo Müller (LU) begrüsst die Fokussierung auf hochwertige Ansiedelungen. «Wir können nicht die Einwanderung und den Kulturlandverlust beklagen und gleichzeitig wahllos Firmen in die Schweiz holen», sagt der Wirtschaftspolitiker. Müller mahnt angesichts des Rückgangs jedoch zur Vorsicht. Die Schweiz müsse aufpassen, dass sie politisch verlässlich bleibe. «Es kann nicht sein, dass wir einzig von unserem guten Ruf aus der Vergangenheit leben.»


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