Fahrlehrer befürchten mehr Tote

JUNGLENKER ⋅ Mit dem Lernfahrausweis schon mit 17 Jahren ans Steuer, nur noch ein Weiterbildungskurs: Der Bundesrat will die Regeln für Junglenker anpassen. Der Fahrlehrer-Verband warnt vor schlimmen Folgen.
06. Oktober 2017, 00:00

Kari Kälin

Schon die Ankündigung klang dramatisch: Der Schweizerische Fahrlehrer-Verband (SFV) sprach in der Einladung für die gestrige Medienkonferenz von «mörderischen Vorschlägen» aus dem Departement von Verkehrsministerin Doris Leuthard. Als die Fahrlehrer gestern ihre Argumente gegen die Änderungen, die der Bundesrat bei der Ausbildung von Junglenkern vorschlägt, präsentierten, ging es im gleichen Stil weiter. «Die Vorlage ist nicht nur misslungen, sie kann sogar tödlich wirken», sagte SFV-Präsident Urs Fasel. Der Bundesrat, heisst es sodann im Titel der Medienmitteilung, nehme künftig mehr tote Neulenkerinnen und Neulenker in Kauf.

Um was geht es? Der Bundesrat hat im April neue Regeln zur Ausbildung von Autofahrern in die Vernehmlassung geschickt. Die Landesregierung will den Fokus vermehrt auf die Fahrpraxis lenken und schlägt unter anderem Folgendes vor:

– Personen, die unter 25 Jahre alt sind, dürfen die praktische Fahrprüfung nur dann absolvieren, wenn sie mindestens ein Jahr lang einen Lernfahrausweis hatten und Praxis gesammelt haben.

– Damit man den Ausweis gleichwohl schon mit 18 Jahren bekommen kann, erhält man den Lernausweis künftig schon mit 17.

– Wer die praktische Fahrprüfung absolvieren will, muss künftig mindestens zwei Einzellektionen bei einer Fahrschule absolviert haben.

– Während der dreijährigen Probezeit müssen die Neulenker nur noch einen theoretischen Weiterbildungskurs absolvieren. Der Praxis-Tag entfällt.

Die Zahl der Unfälle mit Junglenkern als Hauptverursacher ist in den letzten Jahren tendenziell gesunken (siehe Grafik). Der Fahrlehrer-Verband (SFV) befürchtet nun, dass auf den Strassen bald wieder mehr Opfer zu beklagen sind. Das Fahren mit 17 Jahren sei ein «unbegreiflicher Vorschlag», heisst es in der Medienmitteilung. Dies könnte, so der SFV, dazu führen, dass pro Jahr bis zu 80000 junge, unerfahrene Lenker auf den «ohnehin schon verstopften Strassen» herumfahren würden. Ebenfalls kein Verständnis zeigen die Fahrlehrer für den Verzicht auf den zweiten Weiterbildungstag.

Verweis auf Studie

Der Verband untermauerte seine Position mit dem Verweis auf eine Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW). Darin liess Verkehrsexperte und Professor Markus Hackenfort zehn Junglenker dreimal eine Testfahrt am Fahrsimulator absolvieren: Die erste fand vor dem ersten Weiterbildungstag, die zweite nach dem ersten Weiterbildungstag und die dritte nach dem zweiten Weiterbildungstag statt. Das Fazit: Bei der dritten Testfahrt reagierten die Junglenker besser auf schwierige Verkehrssituationen. Sie stuften auch die Gefahren realistischer ein. Nichts gebracht haben die Kurse bezüglich der Selbstwahrnehmung: Die Junglenker überschätzten ihre Fähigkeiten nach wie vor.

Die Vernehmlassung läuft noch bis 26. Oktober. Das zuständige Bundesamt für Strassen äussert sich nicht zur Kritik der Fahrlehrer. Auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) kommentiert sie nicht. Das Gesamtpaket des Bundesrates zu den Änderungen bei der Ausbildung von Junglenkern beurteilt die bfu positiv. «Die Massnahmen legen den Schwerpunkt verstärkt auf die Fahrpraxis», sagt der stellvertretende Direktor Stefan Siegrist. Punktuell bringt die bfu aber Kritik an. «Je jünger die Autofahrer sind, desto höher ist das Unfallrisiko», sagt Siegrist. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung ist deshalb nicht erfreut, dass Junglenker bereits mit 18 Jahren die praktische Fahrprüfung absolvieren können. Sie schlägt vor, Junglenker dafür erst mit 18,5 Jahren zuzulassen.

In einer Studie kam die bfu im Jahr 2012 zum Schluss, dass man bei den Weiterbildungskursen noch mehr herausholen könnte. «Der Lernerfolg ist noch nicht riesig, gleichwohl hätte die bfu an beiden Weiterbildungstagen festgehalten», sagt Siegrist. Eine Wirkung zu Gunsten von mehr Verkehrssicherheit erzielten bei Junglenkern vor allem Massnahmen wie der Fahrausweis auf Probe und schärfere Massnahmen nach einem Ausweisentzug.


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