Galgenfrist für Billettkioske

SCHALTER ⋅ Die grosse Kammer des Parlaments fordert, dass die SBB bis 2020 keine Drittverkaufsstellen schliessen dürfen. Die Bundesbahnen wollen trotzdem an ihren Plänen festhalten und aus dem Billettverkauf durch Dritte schon 2018 aussteigen.
14. Juni 2017, 00:00

Michel Burtscher

Der Aufschrei über die Pläne der SBB war gross: Das Unternehmen hatte im Herbst angekündigt, die Drittverkaufsstellen per Anfang 2018 schliessen zu wollen. Heute verkaufen gewisse Avec-Läden, Migrolino-Shops, Poststellen sowie private Stationshalter an Bahnhöfen auf Vertragsbasis Billette und Abonnemente. Doch nun will die Politik dem Vorhaben der SBB einen Riegel vorschieben. Gestern hat sich der Nationalrat für eine Motion ausgesprochen, mit der die Bundesbahnen verpflichtet werden sollen, zumindest bis 2020 auf die geplanten Schliessungen zu verzichten. Die SBB begründet ihre umstrittenen Pläne mit dem veränderten Kundenverhalten: Immer mehr Billette werden online oder per App gekauft, der Stellenwert der Schalter nimmt stetig ab.

Betroffen von den Schlies­sungen sind alle 52 Drittverkaufsstellen, unter anderem in den Kantonen St.Gallen, Thurgau, Zürich und Luzern. Es sind denn auch vor allem Politiker aus diesen Regionen, die sich lautstark gegen die Pläne der SBB wehren. So etwa der St.Galler CVP-Nationalrat Thomas Ammann, der auch die Motion in der Kommission eingebracht hatte. Er sagt: «Es geht nicht darum, den Strukturwandel zu verhindern – es darf einfach nichts überstürzt werden.» Mit dem zweijährigen ­Moratorium soll Zeit gewonnen werden, um alternative Lösungen aufzugleisen.

Nicht Aufgabe des ­Bundesparlamentes

Doris Leuthard sprach sich im Rat mit deutlichen Worten gegen den Vorstoss aus. Unternehmen wie die SBB seien keine Anstalten mehr, sondern Aktiengesellschaften, sagte die Verkehrs­ministerin. Es sei «einfach nicht Sache des Bundesparlamentes», sich ins operative Geschäft der bundesnahen Unternehmen einzumischen. «Jetzt diskutieren Sie über 52 Kioske, die als Neben­geschäft noch ein paar Billette pro Tag verkaufen», monierte Leuthard und verwies darauf, dass der Absatz von Billetten durch Drittverkaufsstellen weniger als ein Prozent des Gesamtumsatzes im Ticketverkauf ausmacht.

Doch es geht bei dieser Diskussion eben nicht nur um diese 52 Kioske, sondern auch ganz grundsätzlich um den Service ­public und die Dienstleistungen der bundesnahen Betriebe. So sagt der Luzerner CVP-Nationalrat Leo Müller: «Die Verantwortlichen bei den SBB achten zu ­wenig darauf, welche Folgen ihre Entscheide für die Gesellschaft und das Leben der Menschen ­haben. Das Sensorium für solche Bedürfnisse fehlt oft.» Das könne man von einem bundesnahen Unternehmen jedoch durchaus erwarten, findet Müller. Der ­Berner Grünliberale Jürg Grossen kann verstehen, wenn Kunden wegen den geplanten Ände­rungen verärgert sind. Doch er pflichtet Leuthard bei: «Es ist nicht Aufgabe des Parlaments, hier einzugreifen.»

SBB wollen Zeitplan nicht ändern

Voraussichtlich in der Herbst­session wird der Ständerat über die Motion entscheiden. Die Zeit drängt, wenn noch rechtzeitig eine Vorlage verabschiedet oder eine Massnahme getroffen werden soll. Den Befürwortern dürfte es aber auch darum gehen, den Druck auf die SBB aufrecht­zuerhalten. Thomas Ammann erwartet, dass diese mit den Schliessungen zuwarten, bis der politische Prozess abgeschlossen ist.

Die SBB verweisen auf An­frage auf ein Interview auf ihrer Internetseite. Dort bekräftigt ­Alberto Bottini, Leiter Vertrieb und Services, dass die Bundesbahnen an ihrem Entscheid festhalten, per 1. Januar 2018 aus dem Billettverkauf durch Dritte auszusteigen. «Es ist unsere Aufgabe, unsere Dienstleistungen unter Berücksichtigung der sich wandelnden Kundenbedürfnisse laufend weiterzuentwickeln», wird Bottini zitiert. Sollte der Bundesrat nach Zustimmung durch beide Kammern des Par­laments trotzdem Massnahmen vorschlagen, wollen die SBB diese prüfen. Bottini sagt aber auch: «Wir sind bestrebt, gute Folge­lösungen zu finden.»


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