Immer mehr Ärzte brauchen Hilfe

BURN-OUT ⋅ Das ärztliche Unterstützungsnetzwerk Remed weist steigende Fallzahlen aus. Die Belastung am Arbeitsplatz nimmt zu. Ihre körperliche und geistige Gesundheit beschäftigt die Mediziner ebenfalls.
15. September 2017, 00:00

In der Regel helfen Ärzte Patienten. Manchmal helfen aber auch Ärzte Ärzten. Dann, wenn diese selber zu Patienten werden. Oder präventiv verhindern wollen, dass andere zu solchen werden. Zum Beispiel im Unterstützungsnetzwerk Remed, das durch die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) getragen wird – und in diesem Jahr auffällig erhöhten Zulauf hat. Grund: Immer mehr Ärzte brauchen Hilfe, weil sie an den Anschlag kommen. Auch ohne, dass sie im Notfalldienst landen.

Thomas Bergner, deutscher Facharzt, Coach und Buchautor, geht davon aus, dass mindestens ein Fünftel der Ärzte an einem Burn-out-Syndrom leidet. Fast vier Fünftel seien zudem unzufrieden mit ihrem Beruf, sagt Bergner. Der Zürcher Allgemeinmediziner Peter Christen, Leiter des seit sechs Jahren schweizweit tätigen Unterstützungsnetzwerks, bestätigt auf Anfrage: «In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Beratungen bei rund 100 Fällen pro Jahr ein­gependelt, dieses Jahr stellen wir­ ­jedoch eine deutliche Zunahme fest.» Konkret: Die durchschnittliche Jahreszahl wurde schon Ende August erreicht. Hochgerechnet ergibt sich für das laufende Jahr demnach eine Fallzahl von 150.

Die Gründe für die erhöhte Nachfrage nach den Dienstleistungen des rund um die Uhr erreichbaren Netzwerks sind nach Aussage von Christen die folgenden: Rund die Hälfte der Fälle betrifft die Thematik Burn-out und Belastung am Arbeitsplatz, die andere Hälfte dreht sich um Schwierigkeiten im Privatleben.

Dabei geht es zum einen um die körperliche und psychische Gesundheit, zum andern um die Sorge «um eine gleichbleibende gute Arbeitsfähigkeit», wie Christen sagt. Stress, unregelmässige und lange Arbeitszeiten, steigende Erwartungen der Patienten, hoher administrativer Aufwand sind die Stichworte.

Viele Assistenzärzte sind verunsichert

Dass die erhöhte Sensibilisierung für das Thema ebenfalls zur steigenden Fallzahl beiträgt, ist nach Aussage von Christen anzunehmen. Er macht eine zunehmende «Selbstachtsamkeit» unter seinen Berufskollegen aus. Am augenfälligsten ist die Entwicklung bei den Assistenzärzten: Rund ein Fünftel der Ratsuchenden sind Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung, also solche, die am Anfang ihrer ärztlichen Laufbahn stehen. Viele von ihnen sind erschöpft, desillusioniert, verunsichert – und brauchen Unterstützung in der Krise, um die Sicherheit über die Berufswahl und -perspektive zurückzugewinnen.

Dabei ist Remed nicht selten zwar die erste, weil betont niederschwellige, aber nicht die letzte Anlaufstelle: Falls Schwierigkeiten im Rahmen der zweistündigen kostenlosen Beratung nicht gelöst werden können, werden die Ratsuchenden problemspezifisch an Spezialisten – vor allem an Psychiater und Psychotherapeuten oder Coaches weitergewiesen. Remed führt eine systematische Erfolgskontrolle durch und nimmt die Ergebnisse laufend in die Weiterentwicklung des Programms auf.

Wichtig dabei: Sämtliche Schritte, die das Netzwerk unternimmt, erfolgen streng vertraulich und nur mit Zustimmung des betroffenen Arztes. Die Vertraulichkeit gilt auch gegenüber der FMH. Die Standesorganisation finanziert das Angebot zwar, hat aber keine Akteneinsicht.

Das ist gut für die Ärztinnen und Ärzte, aber auch für die Patientinnen und Patienten. Sie brauchen erstens gesunde und handlungsfähige Ärzte – und zweitens solche, die nicht auch noch standesrechtlich auf dem Radar sind.

Balz Bruder


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