Kampf um den freien Platz

FREIRÄUME ⋅ In der Stadt Zürich tobt ein Streit über die Nutzung des Sechseläutenplatzes. Eine Initiative verlangt, dass auf diesem weniger kommerzielle Anlässe stattfinden dürfen. Kritiker sprechen von einer «Spassbremsen-Initiative».
16. April 2018, 00:00

Michel Burtscher

Heute wird in der grössten Stadt der Schweiz der «Böögg» verbrannt und damit der Winter verabschiedet. Tausende werden das Spektakel auf dem Sechseläutenplatz in Zürich verfolgen, das Schweizer Fernsehen überträgt live. Um diesen Platz, auf dem die Veranstaltung stattfindet, ist nun aber ein Streit entbrannt, der am 10. Juni in einer Volksabstimmung gipfelt. Dabei geht es um Fragen, die auch in anderen Orten in der Schweiz diskutiert werden: Wem gehört der öffentliche Raum? Und wer darf ihn wann und wie nutzen?

Die Initiative «Freier Sechseläutenplatz» verlangt, dass dort weniger oft Veranstaltungen stattfinden dürfen. Lanciert wurde das Volksbegehren unter anderem von Mitgliedern der SP, Grünen und der Alternativen Liste. Geht es nach ihnen, darf der Sechseläutenplatz künftig nur noch an maximal 65 Tagen pro Jahr belegt sein. Die restlichen 300 Tage soll er frei zugänglich sein für die Bevölkerung. Das wäre eine deutlich restriktivere Regelung als bisher. Das heutige Nutzungsreglement schreibt vor, dass der Sechseläutenplatz während der Hälfte des Jahres frei sein muss von Anlässen.

Welche Anlässe würden nicht mehr stattfinden?

Für Samuel Hug, Präsident des Initiativkomitees, ist klar: «Heute finden dort viel zu viele Veranstaltungen statt.» Der Sechseläutenplatz sei das neue Wahrzeichen der Stadt und die Zürcher würden ihn am liebsten nutzen, wenn er frei und unverstellt sei, finden die Initianten. Das ist aber noch nicht lange so. Vor seiner Umgestaltung war der Platz zwischen Opernhaus und Bellevue nicht sehr attraktiv. Im Jahr 2014 dann wurde der neue Sechseläutenplatz eröffnet: 17 Millionen Franken hat er gekostet, ist 16000 Quadratmeter gross, 4200 Tonnen Valser Quarzit wurden verlegt. Zu den regelmässigen Nutzern dieser Fläche gehören heute der Circus Knie, das Zurich Film Festival, die Street Parade, das Züri-Fäscht oder der Weihnachtsmarkt. Im Jahr 2016 etwa war der Platz gemäss Zahlen des Zürcher Tiefbauamtes so an rund 140 Tagen belegt. Welche Anlässe bei einer Annahme der Initiative über die Klippe springen sollen, dazu will sich Samuel Hug nicht äussern. «Das muss dann die Stadt entscheiden», sagt er.

Ihr Vorschlag hat den Initianten auch scharfe Kritik eingetragen: So sprach ein FDP-Gemeinderat während der parlamentarischen Debatte von einer «Spassbremsen-Initiative». Wie der Stadtrat lehnt auch der Gemeinderat das Volksbegehren ab. Stattdessen hat das Parlament einen Gegenvorschlag ausgearbeitet, wonach der Sechseläutenplatz künftig nur noch an 180 statt wie heute 185 Tagen belegt sein dürfte. Davon will Samuel Hug aber nichts wissen: «Das ist fast gleich viel wie heute und kein Kompromiss», sagt er.

Rudolf Andres ist Präsident der Vereinigung Bellevue und Stadelhofen und Mitglied der Allianz «Vielfalt bewahren», die für den Gegenvorschlag weibelt. Er sagt: «Die Initiative geht zu weit.» Im Eröffnungsjahr habe es tatsächlich Exzesse gegeben, hätten auf dem Sechseläutenplatz zu viele Veranstaltungen stattgefunden, sagt er. Mittlerweile habe sich das aber eingependelt. «Wir brauchen Leben in unserem Quartier», sagt Andres. Vergangene Woche hat sich auch die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch zur Initiative geäussert und sich für den Gegenvorschlag ausgesprochen. Die Zürcherinnen und Zürcher würden zwar die Weite und hohe Aufenthaltsqualität des Sechseläutenplatzes geniessen, schrieb die Stadtpräsidentin in einer Kolumne im «Tagblatt der Stadt Zürich». «Für mich persönlich gehören aber auch Veranstaltungen auf den Platz», so Mauch. Ob das die Bevölkerung auch so sieht, wird sich in knapp zwei Monaten weisen.

Zürcher Stadtpräsidentin


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