Krach in der Baubranche

ZUWANDERUNG ⋅ Zwischen den Sozialpartnern in der Baubranche herrscht dicke Luft. Die Gewerkschaft Unia kritisiert Aussagen des Baumeisterverbands zum Gesamtarbeitsvertrag als «verantwortungslos». Dieser kontert.
14. Juli 2017, 00:00

Maja Briner

Die Sozialpartner in der Baubranche bringen sich in Stellung für die Lohnverhandlungen im Herbst – und scheuen sich nicht davor, sich gegenseitig auf die Füsse zu treten. Gian-Luca Lardi, Präsident des Baumeisterverbands, nahm gegenüber der «Zentralschweiz am Sonntag» den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) ins Visier. Dieser produziere Arbeitslosigkeit «und heizt die Zuwanderung an», so Lardi. Der GAV ist aus seiner Sicht zu starr: Wenn ein Arbeitnehmer eine höhere Lohnklasse erreicht hat, darf das nicht mehr rückgängig gemacht werden. «Dies kann dazu führen, dass Personen in einer höheren Lohnklasse durch Einwanderer ersetzt werden, die bei der untersten Lohnstufe beginnen», sagte er der Zeitung.

Die Gewerkschaften reagieren empört. «Die Aussagen sind absolut verantwortungslos», sagt Unia-Präsidentin Vania Alleva. «Wenn der Baumeisterverband nicht mehr bereit ist, die Schweizer Löhne zu verteidigen, wird es gefährlich für die Personenfreizügigkeit.» In der Schweiz seien die Mieten und andere Lebenshaltungskosten höher als im Ausland, daher müssten auch entsprechende Löhne gezahlt werden, sagt Alleva. Gerade bei älteren Arbeitnehmenden gebe es die Angst, durch Zuwanderer ersetzt zu werden. «Die Antwort darauf ist aber nicht, die Löhne zu senken», sagt die Unia-Präsidentin. «Vielmehr muss sichergestellt werden, dass die bestehenden Löhne eingehalten werden.» Damit ältere Arbeitnehmende nicht durch jüngere ersetzt werden, fordern die Gewerkschaften seit längerem einen stärkeren Kündigungsschutz für diese Altersgruppe.

«Wollen Mindestlöhne nicht drücken»

Auch die Gewerkschaft Syna, die gemeinsam mit Unia mit dem Baumeisterverband den GAV ausgehandelt hat, ist über Lardis Aussagen nicht erfreut. «Ich bin besorgt, dass er den GAV mit seinen anständigen Löhnen in Frage stellt», sagt Guido Schluep, bei Syna verantwortlich für das Bauhauptgewerbe. Er stellt klar: «Zu einem Angriff auf die Mindestlöhne bieten wir keine Hand.»

Lardi betont, der Baumeisterverband wolle die Mindestlöhne nicht nach unten drücken. Der Verband setze sich dafür ein, dass diese eingehalten würden. Lardi streitet auch die Bedeutung des GAV nicht ab. «Wir kritisieren aber einzelne Fehlanreize, welche korrigiert werden müssten – gerade weil wir im Allgemeinen zum GAV stehen und seine Wichtigkeit anerkennen», sagt er. Lardi fordert eine Flexibilisierung: Arbeitnehmende sollen bei den Lohnklassen auch wieder heruntergestuft werden können.

Das sei eine unwürdige Diskussion, findet Alleva: «Ein 55-Jähriger kann vielleicht nicht mehr gleich schuften wie ein 30-Jähriger, aber er hat jahrelange Erfahrung und hat sich für seine Firma vielleicht sogar die Gesundheit ruiniert. Ihnen will jetzt der Baumeisterverband Geld wegnehmen.» Für Schluep ist es nur bei höheren Löhnen eine Option, dass jemand ab einem gewissen Alter weniger verdienen soll. Über eine solche «Bogenkarriere» könne man bei Managerlöhnen von 14000 bis 15000 Franken diskutieren, aber nicht beim Bauarbeiter, findet er.

Die Mindestlöhne für Baustellenpersonal betragen heute für die tiefste Lohnklasse – einen Angestellten ohne Fachkenntnisse – um die 4500 Franken. Die Ansätze für Vorarbeiter sind mit bis zu knapp 6340 Franken deutlich höher. Im Vergleich zu manch anderen Branchen verdienen aber bereits ungelernte Bauarbeiter gut: Im Gastgewerbe liegt der Mindestlohn bei 3417 Franken, in der Maschinenindustrie bei zwischen 3300 und 3850 Franken.

Gewerkschaften fordern Lohnerhöhung

Die Löhne in der Baubranche seien jedoch absolut gerechtfertigt, finden die Gewerkschaften. «Die Baubranche boomt, die Auftragsbücher sind voll», sagt Alleva. «Nur beim Lohn herrscht Stillstand.» Diese Argumentation greife zu kurz, kontert Lardi. Die Volumen in der Baubranche seien zwar hoch, doch wegen des Verdrängungswettbewerbs seien die Margen im Bauhauptgewerbe gesunken. «Die Gewerkschaften verhindern zielorientierte Pro-blemlösungen, falls sie an dieser starren ideologischen Linie festhalten», kritisiert er. «Mit ihrer Position sagen die Gewerkschaften: Lieber arbeitslos als arbeitstätig», so Lardi. «Ich sage: Lieber ein Arbeitsloser weniger, auch wenn dieser eine verkraftbare Einbusse gegenüber seinem letzten Lohn in Kauf nehmen muss.» Viele Arbeitnehmer würden das genauso sehen und verstehen.

Nach Ansicht der Gewerkschaften haben die Arbeitnehmer allerdings eine andere Erwartung: Lohnerhöhungen. Schluep sagt: «Wenn Herr Lardi Öl ins Feuer giessen will, soll er das machen. Er wird die Antwort von den Bauarbeitern bekommen.» Diese erwarteten nach drei Nullrunden bei den nächsten Lohnverhandlungen nämlich eine generelle Lohnerhöhung. Die Gewerkschaften haben ihre Forderung bereits auf den Tisch gelegt: Um 150 Franken sollen die Löhne steigen. Die Verhandlungen beginnen demnächst. Sie dürften nicht einfach werden.

« Die Bau­branche boomt. Nur beim Lohn herrscht Stillstand.»

Vania Alleva

Präsidentin Unia


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