Nächste Runde im Streit um die Organspende

TRANSPLANTATIONEN ⋅ Patientenschützer kritisieren die Verkürzung der Wartezeit bei den Organentnahmen. Der Druck auf die für diese Richtlinie zuständige Medizin-Akademie steigt. Nun erklärt sich die Organisation.
11. November 2017, 00:00

Wie viele Minuten müssen nach einem Kreislaufstillstand vergehen, bis einem Organspender Leber, Lunge oder Niere entnommen werden dürfen? Um diese Frage ist zwischen der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) auf der einen und der Stiftung Patientenschutz (SPO) auf der anderen Seite eine heftige Auseinandersetzung entbrannt (Ausgabe vom 8. November).

Die Frage ist hochaktuell: Mitte Monat tritt das revidierte Transplantationsgesetz in Kraft. Die Richtlinien dazu sehen vor, dass der Tod neu schon nach fünf statt nach zehn Minuten festgestellt werden darf. So wie in den meisten anderen Ländern auch.

Akademie soll auf Entscheid zurückkommen

SPO-Präsidentin Margrit Kessler ist empört: «Die Regelung ist wissenschaftlich umstritten und auf fragwürdige Art und Weise zustande gekommen.» Sie stört sich daran, dass die SAMW die Richtlinie nach der Vernehmlassung «klammheimlich» geändert hat – «ein politisches No-Go». Die SPO fordert deshalb wie verschiedene andere medizinethische Organisationen, dass die Inkraftsetzung des Gesetzes ausgesetzt wird, bis die offenen Fragen geklärt sind. Und die Akademie auf ihren umstrittenen Entscheid zurückkommt.

Der Druck auf die SAMW ist so gross, dass sie sich gestern erklären musste. Sie verteidigt ihren Entscheid fachlich und bezüglich des Vorgehens, legt aber nach wie vor nicht im Einzelnen offen, wer die Akademie dazu gebracht hat, die Regelung zu ändern. Immerhin: «Der Anstoss zur Änderung der Wartezeit kam von Fachpersonen, die direkt in den Spende-Prozess involviert sind», bestätigt Michelle Salathé, stellvertretende Generalsekretärin der SAMW. Konkret geht es um jene Stellen in den grossen, vor allen universitären Spitälern, welche die Transplantationen koordinieren. «Dieser Anstoss hat die Diskussion und Gewichtung der Argumente in den SAMW-Gremien ausgelöst», so Salathé. Gleichzeitig betont die Akademie, die neue Wartezeit-Regelung entspreche «den Regeln der Kunst» und stehe «im Interesse der Spender und Empfänger von Organen». Sie nehme aber auch die kritischen Stimmen ernst und werde das Gespräch mit den entsprechenden Organisationen aufnehmen, sagt Salathé. Wohlwissend, dass die Zeit drängt.

Balz Bruder

Stv. Generalsekretärin SAMW


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