«Prämienanstieg verringert sich»

KRANKENKASSEN ⋅ Der Vizedirektor des Bundesamtes für Gesundheit, Thomas Christen, verteidigt die umstrittene Senkung der Prämienrabatte für hohe Franchisen. Die Mehrheit der Versicherten profitiere vom Entscheid.
12. August 2017, 00:00

Interview: Tobias Bär, Tobias Gafafer

Thomas Christen, gehören Sie auch zu jenen, die jedes Jahr ihre Krankenkasse wechseln?

Ich habe auch schon die Kasse gewechselt. Ich muss aber zugeben, dass ich seit Jahren bei der gleichen Kasse versichert bin.

Welche Franchise haben Sie gewählt?

Im Moment habe ich eine hohe Franchise.

Dann sind auch Sie betroffen vom Plan des Bundesrates, den Prämienrabatt für die drei höchsten Wahlfranchisen zu reduzieren. Warum werden ausgerechnet jene bestraft, die einen grösseren Teil der Gesundheitskosten selber tragen?

In erster Linie hat der Entscheid zur Folge, dass sich der Prämienanstieg für die Versicherten mit einer tiefen oder mittleren Franchise um rund zwei Prozent verringert. Die klare Mehrheit der Versicherten profitiert also von diesem Entscheid. Und diejenigen mit einer hohen Franchise werden auch in Zukunft bedeutend weniger Prämien zahlen als jene mit einer tiefen Franchise. Versicherte mit der höchsten Franchise von 2500 Franken sparen pro Jahr 1100 Franken.

Heute sind es aber 1540 Franken. Die höchste Franchise wird deutlich unattraktiver.

Personen mit einer hohen Franchise werden tatsächlich stärker belastet. Es lohnt sich jedoch nach wie vor, Eigenverantwortung zu übernehmen. Insgesamt ist die Vorlage sehr ausgewogen.

In der Vernehmlassung kamen die Pläne schlecht an. Foutiert sich das Bundesamt für Gesundheit (BAG) um diese Kritik?

Nein. Erstens wurden die Rabatte nochmals angepasst, zweitens bleiben die Wahlfranchisen von 1000 und 2000 Franken anders als ursprünglich geplant bestehen. In der Vernehmlassung hiess es, eine Streichung würde die Wahlfreiheit einschränken. Darauf hat der Bundesrat reagiert. Zudem soll die tiefste Franchise von 300 auf 350 Franken angehoben werden. Auch das entspricht einer Forderung aus der Vernehmlassung.

Wann treten die Änderungen in Kraft?

Sicher noch nicht auf das nächste Jahr. Die Prämien 2018, die Ende September präsentiert werden, sind also nicht betroffen. Ich gehe momentan davon aus, dass die Neuerungen ab 2019 gelten.

Wäre es nicht sinnvoller, den Wechsel der Franchise einzuschränken? Indem ein Wechsel nur noch alle drei Jahre möglich wäre, liesse sich verhindern, dass jemand vor einer teuren Operation in eine tiefere Franchise wechselt.

Der Ansatz ist gut. Das Parlament erarbeitet derzeit auch eine entsprechende Vorlage. Man darf sich aber nicht allzu grosse Hoffnungen machen. Der Bundesrat hat in einem Bericht festgehalten, dass nur ganz wenige Versicherte – deutlich weniger als ein halbes Prozent – vorübergehend in eine tiefere Franchise wechseln. Das Einsparpotenzial ist also gering.

Heftige Reaktionen ausgelöst hat auch eine andere Vorlage des BAG. Nämlich die Neueinteilung der Prämienregionen, mit der vor allem für ländliche Regionen deutlich höhere Prämien drohen – obwohl die Leute dort seltener zum Arzt gehen.

Wir haben festgestellt, dass sich die Kosten zwischen Land und Stadt angenähert haben, die Prämien aber nicht. Und deshalb braucht es hier einen gewissen Ausgleich.

Halten Sie trotz der Kritik an der Neueinteilung fest?

Der Auftrag zur Neueinteilung kommt vom Parlament. Einigen Kritikpunkten aus der Vernehmlassung wird aber Rechnung getragen. Wir sind daran, die Vorlage zu überarbeiten.

Kritiker sagen, man würde sich mit der Nivellierung zwischen Stadt und Land der Einheitskasse nähern, welche die Stimmbevölkerung deutlich verworfen hat.

Mit einer Einheitskasse hat dieser Vorschlag nun wirklich nichts zu tun. Es ist einfach so, dass heute gewisse ländliche Regionen im Verhältnis zu ihren Kosten zu wenig bezahlen – und gewisse städtische Regionen zu viel. Und das möchten wir beseitigen. Übrigens: Vor rund zehn Jahren wollte der damalige Gesundheitsminister Pascal Couchepin die Prämienregionen sogar ganz abschaffen. Das war von ihm sicher nicht als Schritt in Richtung Einheitskasse gedacht.

Die Gesundheitskosten steigen Jahr für Jahr. Massnahmen des Bundes wie etwa die Senkung der Medikamentenpreise sind nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Sehen Sie die Gefahr, dass das System irgendwann nicht mehr finanzierbar ist?

Ich sehe auf jeden Fall dringenden Handlungsbedarf. Die Kosten werden weiter steigen. Einerseits wegen der demografischen Entwicklung, andererseits wegen des medizinischen Fortschritts. Aber es gibt eben auch ein medizinisch nicht erklärbares Mengenwachstum. Und dort muss dringend der Hebel angesetzt werden.

Einsparungen soll der bundesrätliche Eingriff in den ambulanten Ärztetarif Tarmed bringen. Sind Sie vom heftigen Widerstand insbesondere von Seiten der Ärzte überrascht?

Wenn ich lese, dass die gesamte ambulante Versorgung in Gefahr sei, dann ist es schon wichtig, dass man die Relationen zurechtrückt. Im Jahr 2018 werden über den Tarmed wohl rund 13 Milliarden Franken abgerechnet werden. In der Vernehmlassungsvorlage sind Einsparungen von 700 Millionen vorgesehen, das sind rund fünf Prozent. Die ambulante Versorgung wird sicher nicht zugrunde gehen. Auf der anderen Seite gibt es auch berechtigte Kritik. Der Bundesrat wird dem sicher Rechnung tragen in der definitiven Vorlage.

Der Tarmed-Eingriff soll nur eine Übergangslösung sein. Sind Sie zuversichtlich, dass sich die Spitäler, die Krankenkassen und die Ärzte doch noch auf einen Kompromiss einigen können?

Ich hoffe es sehr. Die Tarifpartnerschaft ist ein zentraler Pfeiler des Systems. Die aktuellen Vorschläge hat der Bundesrat erst gemacht, nachdem sich die Tarifpartner jahrelang nicht einigen konnten. Ohne Eingriff hätten wir im Jahr 2018 einen tariflosen Zustand.

Zur Person

Thomas Christen ist seit März dieses Jahres Vizedirektor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Dort leitet er den Bereich Kranken- und Unfallversicherung. Zuvor war der 42-Jährige als SP-Generalsekretär und ab 2012 als persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Alain Berset tätig. Christen lebt mit seiner Partnerin, SP-Gemeinderätin Ursula Wyss, und zwei Söhnen in Bern.


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