Rätoromanen kämpfen für ihre Zeitung

MEDIEN ⋅ Den Romanisch sprechenden Bündnern droht auf Ende Jahr der Verlust ihrer einzigen überregionalen Tageszeitung «La Quotidiana». Nun sollen Bund und Kanton helfen, dies abzuwenden.
16. Mai 2017, 00:00

Richard Clavadetscher

Wer es noch nicht wusste, hat das Problem spätestens zur Kenntnis genommen, als Nationalrat Martin Candinas (CVP/GR) in der vergangenen Sondersession des Nationalrats seine Interpellation einreichte: «Wie weiter mit der rätoromanischen Tageszeitung ‹La Quotidiana›?»

Die Frage ist dringlich. Denn das Medienhaus Somedia in Chur, das auch die «Südostschweiz» herausgibt, hat im März, drei Tage nach dem 20-Jahre-Jubiläum der «Quotidiana», bekundet, die rätoromanische Tageszeitung per Ende Jahr einzustellen, sollte sich niemand finden, der das jährliche Defizit von 300000 Franken trage. Gelänge die Rettung, will Somedia weiterhin für Verlag, Marketing, Produktion und Vertrieb des Blattes aufkommen. Die Redaktionskosten aber sollen ausgelagert werden.

Der Verlust der Zeitung würde für die Rätoromanen schwer wiegen, denn die «Quotidiana» ist ihre einzige Tageszeitung, die überregional berichtet. Damit hat sie neben den üblichen journalistischen Aufgaben auch identitätsstiftende und vor allem spracherhaltende Funktion: In diesem Blatt können die rund 4000 Abonnenten etwa sprachlichen Neuschöpfungen aus aktuellem Anlass erstmals in geschriebener Form begegnen. Eine Alternative dazu gibt es nicht, denn im rätoromanischen Radio und Fernsehen wird bekanntlich vorwiegend gesprochen.

Zwar seien sich die Rätoromanen Ultimaten von Somedia-Verleger Hanspeter Lebrument gewohnt, er stelle sie «in schöner Regelmässigkeit», sagt Flurin Bundi, Co-Präsident von Pro Svizra Rumantscha (PSR). Der seit 1992 bestehende Verein mit vorwiegend jüngeren Vorstandsmitgliedern kümmert sich um die Sprachpolitik der rätoromanischen Minderheit und somit auch um deren Mediensituation. Man nimmt dort die Ankündigung von Somedia indes nicht auf die leichte Schulter.

Stiftung oder Verein als Rettung?

So wird nun fieberhaft nach Lösungen gesucht – nach kurzfristigen ebenso wie nach langfristigen. Gerade am vergangenen Wochenende fand dazu ein von PSR initiierter runder Tisch statt, an dem sich nicht nur Vertreter sämtlicher rätoromanischer Medien sowie der rätoromanischen Nachrichtenagentur (ANR) beteiligten, sondern auch der Dachorganisation Lia Rumantscha. Wie es scheint, fehlt es den Teilnehmern am runden Tisch nicht an Ideen, um die «Quotidiana» mittel- und langfristig zu stärken. PSR möchte gar weg von Somedia und die Überführung der Zeitung in eine Stiftung, Genossenschaft oder einen Verein. Hauptproblem aber ist das Geld, und zwar sowohl für die schnelle Hilfe als auch zum Anstossen zukunftsträchtiger Ideen.

Zwar fragt Martin Candinas in seiner Interpellation sozusagen «mit rätoromanischem Reflex», welche Möglichkeiten denn der Bundesrat sehe, um für die Jahre 2018–2020 «zusätzliche finanzielle Mittel gemeinsam mit dem Kanton Graubünden anzubieten». Aber so einfach ist die Sache nicht, wie ein Gespräch mit dem dafür zuständigen Regierungsrat Martin Jäger (SP), Chef des Bündner Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartements, zeigt. Bund und Kanton hätten schon mit namhaften Beiträgen geholfen, ANR aufzubauen und zu stützen, sagt Jäger. Wenn es jedoch darum geht, einer Zeitung direkt zu helfen, sind er und seine Regierungskollegen skeptisch: «Wir wollen keine Staatsmedien. Eine Zeitung muss staatsunabhängig sein.»

Wie unter diesen Vorgaben eine finanzielle Lösung für «La Quotidiana» konkret aussehen könnte, dies wird unter anderem gegenwärtig an besagtem rundem Tisch diskutiert. Dessen Leitung hat nun die Lia von PSR übernommen – auch dies wohl ein Zeichen dafür, dass das «Quotidiana»-Problem den Rätoromanen wirklich Sorgen macht.

Über den runden Tisch hinaus stehe die Lia mit der Somedia in Kontakt, ist von Lia-Sprecher Andreas Gabriel zu erfahren. Man verlange, dass das Verlagshaus die «Quotidiana»-Zahlen offen auf den Tisch lege. Denn wenn sich jemand um (öffentliche) Gelder bemühe, könne von ihm auch angemessene Transparenz gefordert werden.

Zudem ist die Lia mit dem dafür zuständigen Bundesamt für Kultur und dem Kanton im Gespräch. Doch wie angesichts der noch bis 2020 geltenden Kulturbotschaft des Bundes und der Vorbehalte des Kantons eine Lösung aussehen könnte, ist zurzeit alles andere als klar.


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