Schwule Blutspender müssen warten

MEDIZIN ⋅ Homosexuelle dürfen weiterhin nur Blut spenden, wenn sie zuvor zwölf Monate keinen Sex hatten. Das könnte sich aber bald ändern, denn neue Regeln sind bereits in Arbeit.
30. November 2017, 00:00

Dominic Wirth

Es ist noch nicht lange her, dass Schwule in der Schweiz kein Blut spenden durften. Erst seit dem 1. Juli ist ihnen das erlaubt – unter der Bedingung, dass sie zuvor während zwölf Monaten keinen Sex mit einem Mann hatten. Und bei dieser Regelung bleibt es vorläufig auch. Denn der Ständerat hat im Gegensatz zum Nationalrat eine Motion der BDP verworfen, die sämtliche Ausschlusskriterien für homosexuelle Männer aufgrund ihrer sexuellen Orientierung aufheben wollte. 22 der Kantonsvertreter sprachen sich gegen das Anliegen aus, 17 drückten auf den Ja-Knopf.

Der Schwulen-Dachverband Pink Cross hat für den Entscheid der kleinen Kammer kein Verständnis. Faktisch, sagt deren Geschäftsführer René Schegg, seien Schwule aufgrund der 12-Monate-Regel nämlich nach wie vor von der Blutspende ausgeschlossen. In die gleiche Kerbe schlug auch der Baselbieter Ständerat Claude Janiak. Der SP-Politiker lebt in einer eingetragenen Partnerschaft. Janiak berichtete, wie er den Versuch unternahm, Blut zu spenden – dies aber trotz negativem HIV-Test nicht tun konnte, weil er seine Beziehung «nicht in klösterlichem Rahmen» lebt. «Ich finde das ziemlich absurd», sagte Janiak.

Der Bundesrat will kein neues Gesetz

Mit dieser Einschätzung war Janiak gestern im Ständerat nicht allein. Dennoch will die Mehrheit der kleinen Kammer keine Gesetzesänderung. Konrad Graber, der Präsident der zuständigen Gesundheitskommission, verwies darauf, dass die 12-Monate-Frist für Homosexuelle etwa auch in den USA, Frankreich, Kanada, Finnland oder Schweden gelte. René Schegg von Pink Cross hat für diese Argumentation allerdings kein Verständnis. In seinen Augen ist diese Frist «willkürlich und weltfremd» – und auch aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar, weil die modernen HIV-Tests von heute schon nach drei Monaten eine Infizierung ausschliessen können. Auch Janiak wies darauf hin, dass gefährliche Situationen ausgeschlossen seien, weil die Blutentnahmen getestet werden.

Für Pink-Cross-Geschäftsleiter René Schegg ist klar: Die aktuelle Regelung kommt einer «sinnlosen Diskriminierung» der Schwulen gleich, weil sie nicht gleich behandelt werden wie ­Heterosexuelle. CVP-Ständerat Graber teilt diese Einschätzung nicht. Der Fragenkatalog, den potenzielle Blutspender ausfüllen müssen, sei in den Augen der Kommission «bestimmt nicht diskriminierend». Vielmehr richte er sich an alle Blutspender – unabhängig von «ihrer geschlechtlichen Ausrichtung».

Bundesrat Alain Berset sprach sich gestern ebenfalls gegen die Motion aus. Der Gesundheitsminister sieht in der Einführung der 12-Monate-Regel einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Zuvor war für Schwule in der Schweiz während 40 Jahren keine Blutspende möglich gewesen. Erlassen worden war das Verbot im Jahr 1977, als die Aids-Epidemie die Welt in Atem hielt. Berset verwies zudem auf eine Arbeitsgruppe von Blutspende SRK Schweiz, die derzeit damit beschäftigt ist, ein neues Verfahren auszuarbeiten. Vor diesem Hintergrund sei ein gesetzlicher Eingriff derzeit nicht notwendig.

Wechsel zur individuellen Risikobeurteilung

Tatsächlich reagiert Blutspende SRK, das in der Schweiz für die Blutversorgung zuständig ist, ­gelassen auf den Entscheid des Ständerats. «Für uns bedeutet das nicht viel», sagt Direktor ­Rudolf Schwabe. Er verfolgt schon länger das Ziel, anstelle von Kriterien wie sexueller Abstinenz oder Orientierung eine ­individuelle Risikobeurteilung einzuführen. «Es liegt zum Beispiel auf der Hand, dass ein Homosexueller in eingetragener Partnerschaft ein tieferes HIV-Risiko hat als ein Heterosexueller, der seine Sexualpartner häufig wechselt», sagt Schwabe. Dem gelte es Rechnung zu tragen.

Bis Blutspende SRK genug Datenmaterial gesammelt hat, um das Gesuch für eine erneute Regeländerung bei der Heilmittelbehörde Swissmedic einzureichen, dürfte es laut Schwabe noch bis zu drei Jahre dauern. Ihm geht es dabei nicht in erster Linie darum, zusätzliche Spender zu finden – sondern darum, niemanden von vornherein auszuschliessen, der Blut spenden will.

Geschäftsleiter Pink Cross


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