Tabubruch bei ambulanten Eingriffen

GESUNDHEITSKOSTEN ⋅ Erstmals signalisieren die Kantone Bereitschaft, nicht nur stationäre, sondern auch ambulante Behandlungen mitzufinanzieren. Ein taktischer Schachzug mit ungewissem Ausgang.
05. Oktober 2017, 00:00

Auch wenn der «Prämienschock» in diesem Herbst mit einem durchschnittlichen Plus von 4 Prozent etwas moderater ausgefallen ist als auch schon: Die Diskussion um die unaufhaltsam steigenden Gesundheitskosten hat nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Im Gegenteil: Sie kommt in die entscheidende Phase. Noch in diesem Herbst wird eine Subkommission der nationalrätlichen Gesundheitskommission Vorschläge über die künftige Finanzierung präsentieren. Präsidentin Ruth Humbel (CVP/AG) sagt: «Wir werden Anfang November einen Vorentwurf zuhanden der Gesamtkommission beraten.»

Besonders delikat ist die Situation für die Kantone. Sie zahlen bei den stationären Behandlungen mindestens 55 Prozent, sind hingegen bei den ambulanten nicht in der Kostenpflicht. Der Haken an der Sache: Die ambulante Spitalversorgung wies 2016 ein Wachstum von 8 Prozent aus – die Zeche zahlen die Kassen beziehungsweise die Versicherten.

Der Druck ist deshalb hoch, dass sich die Kantone auch an diesen Kosten beteiligen. Pius Zängerle, Direktor des Krankenkassenverbands Curafutura, sagt: «Es braucht eine einheitliche Kantonsbeteiligung für den gesamten ambulanten und stationären Bereich.» Er weibelt für eine einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Behandlungen, damit teure Fehlanreize eliminiert werden.

Ein Malaise, dem die Kantone mit Operationslisten zu Leibe rücken: Stationär werden diese Eingriffe im Kanton Luzern beispielsweise – und ab 2018 auch in Zürich und Zug – nur noch vergütet, wenn die ambulante Behandlung aus medizinischen Gründen nicht möglich ist. Ein Modell, das Karriere macht: Bis Ende Jahr will das Bundesamt für Gesundheit (BAG) den drohenden kantonalen Wildwuchs mit einer einheitlichen Liste für Kniearthroskopien, Krampfadern-Entfernung, Leistenbruch & Co. bändigen.

Aufschlussreich dabei: Hat die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) eine Mitfinanzierung von ambulanten Behandlungen bisher kategorisch abgelehnt, kommt nun Bewegung in die starren Fronten. GDK-Präsident Thomas Heiniger, freisinniger Zürcher Gesundheitsdirektor, hat jüngst an einer Veranstaltung der Konferenz der Kantonsregierungen (KdK) zwischen dem bisherigen «Njet» und der vollständigen Mitfinanzierung gleichsam einen «dritten Weg» skizziert. Kern der Überlegungen: Erstens sollen Leistungen an der Schnittstelle ambulant-stationär entlang der Ope-rationsliste definiert werden, zweitens hat die Abgeltung für Ärzte und Spitäler pauschal zu erfolgen. «Unter diesen Bedingungen wird die GDK die Diskussion über die Modalitäten einer Mitfinanzierung im ambulanten Bereich von klar abgegrenzten Leistungen aufnehmen», sagte Heiniger vor Kantons- und Parlamentsvertretern. Seine Botschaft: «Wir wollen Kosten dämpfen statt nur Gelder verschieben.» Die Rede ist von insgesamt 8 Milliarden Franken, welche die Kantone bisher ausschliesslich an stationäre Behandlungen zahlen – und mit denen künftig auch ambulante mitfinanziert werden sollen.

«Das tönt ja gut und wäre besser als nichts», meint Nationalrätin Humbel zu Heinigers Vorschlag. Sie gibt aber zu bedenken: «Für eine optimierte integrierte Versorgung wäre eine einheitliche Finanzierung über den ganzen Prozess zielführender –sowohl bezüglich Qualität als auch Kosten.» Humbels Sorge ist diese: «Die Schnittstellen hätten wir dann einfach zwischen ambulanten Spitalleistungen und Eingriffen in der Arztpraxis.»

«Die Haltung der Kantone ist höchst irritierend»

Ob der taktisch beschlagene Heiniger bei seinen Gesundheitsdirektoren-Kollegen durchdringen wird, muss sich allerdings noch weisen. Aus verschiedenen Kantonen ist hinter vorgehaltener Hand zu hören, der Druck auf potenzielle Abweichler sei hoch. Und mit der nationalrätlichen Subkommission kam es gar nicht erst zu einem Treffen. «Die Haltung der Kantone ist höchst irritierend und nicht zielführend, wenn es um die Eliminierung eines zentralen falschen Anreizes bei der Steuerung der Gesundheitskosten geht», kritisiert Gesundheitspolitikerin Humbel.

Balz Bruder


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