Tränen fliessen bei Siegern wie Verlierern

ABSTIMMUNG ⋅ Moutier sieht seine Zukunft definitiv im Kanton Jura. Mit einer Mehrheit von 51,7 Prozent haben sich die Einwohner des bernjurassischen Städtchens gestern knapp für einen Kantonswechsel ausgesprochen.
19. Juni 2017, 00:00

Antonio Fumagalli

Hätte man nicht gewusst, dass der elektrisierenden Ambiance in Moutier eine Abstimmung zu Grunde liegt, man hätte auf Sport getippt. Bei strahlendem Sonnenschein herrscht den ganzen Tag schon Fussballstimmung: Fahnen werden geschwenkt, Sprechchöre angetönt, Knallkörper gezündet, und der Alkohol fliesst in Strömen. Auffallend dabei: Die Projurassier dominieren das Strassenbild des 7000-Seelen-Städtchens deutlich. Insbesondere rund um den Bahnhof, wo die Separatisten mit dem Hotel de la Gare ihr Hauptquartier haben, sieht man keine einzige Bern-Flagge, dafür Dutzende, ja Hunderte Jura-Flaggen. Immer wieder stimmt die Menge die Jura-Hymne «La Rauracienne» an, und spätestens, wenn es beim Refrain «Tenez-vous la main» heisst, halten sich alle die Hände.

Als kurz vor 17.30 Uhr das offizielle Resultat kommuniziert wird, kennt der Jubel keine Grenzen. Die Menschen liegen sich in den Armen, man kennt sich, man weiss, dass man gleich abgestimmt hat. Wo man auch hinblickt, sieht man Personen – jüngere wie ältere –, die sich Tränen aus den Augen wischen. «Ein Traum wird wahr», sagt einer und nimmt einen kräftigen Schluck Bier.

Proberner wähnen sich erfolgreich

Gleicher Moment, anderer Ort: Die Proberner haben sich ganz bewusst weit weg von den «Autonomistes» versammelt, man will allfälligen Scharmützeln schon von vornherein aus dem Weg gehen. Die Stimmung ist nicht ansatzweise so ausgelassen wie bei den politischen Gegnern – was auch daran liegt, dass bedeutend weniger Leute anwesend sind. Was sich im Wahlkampf schon manifestiert hat, zeigt sich an den beiden Veranstaltungs­orten exemplarisch: Wer den Kanton wechseln will, tut dies lautstark kund. Wer den Status quo bevorzugt, behält es – vereinfacht gesagt – für sich.

Und doch brechen die Pro­berner plötzlich in Jubel aus, vielkehlig singen sie «on a gagné», «wir haben gewonnen». Wie ein Lauffeuer breitet sich die Nachricht aus, dass es gereicht habe. Eine, vielleicht zwei Minuten dauert es, bis der Irrtum bemerkt wird. Denn 2067 Stimmberechtigte hatten ein Ja zum Kantonswechsel in die Urne gelegt, 1930 lehnten ihn ab. Irgendjemand, man weiss nicht wer, hat das falsche Gerücht in die Welt gesetzt. Umso grösser ist die Enttäuschung nachher, Patrick Tobler, Präsident der SVP des Berner Jura, kann die Tränen nicht zurückhalten. «Es ist eine Katastrophe, man kann es nicht anders sagen», sagt er wenig später in breitem Berner Dialekt. Ob damit auch seine politische Karriere beendet ist, sei noch unklar. Den Kanton könne er jedenfalls nicht einfach so verlassen, hat seine Familie doch seit Generationen einen Bauernbetrieb in Moutier.

Für seinen Mitstreiter Patrick Röthlisberger, Präsident der FDP Moutier, hingegen ist klar: «Ich bleibe Berner.» Er werde seine Firma und vermutlich auch seinen Wohnort in eine Gemeinde des Berner Jura verlegen, die dem Kanton treu bleibt. Besonders trifft ihn, dass die Separatisten das Herz, «le coeur», für sich beanspruchten. «Dabei haben wir auch eins – es schlägt einfach für Bern», sagt er. Dann bricht auch er in Tränen aus.

Auftrieb für die «Autonomistes»

Die Emotionalität kommt nicht von ungefähr, die Abstimmung ist für Moutier der Höhepunkt eines Unabhängigkeitsbestrebens, das die Bevölkerung seit Jahrzehnten spaltet. Ob es auch dessen Ende darstellt, ist so klar jedoch nicht. «Für mich persönlich gehört der gesamte Berner Jura zum Kanton Jura», sagt Gemeindepräsident Marcel Winistoerfer. Er könne sich vorstellen, dass der gestrige Entscheid ein Flämmchen entfache, das insbesondere in grösseren Gemeinden des Berner Juras – etwa St-Imier – den «Autonomistes» wieder Auftrieb verleihen könnte. Winistoerfer ist aber Realist genug, dass dies nicht bald schon der Fall sein wird – und betont gebetsmühlenhaft in jedes Mikrofon, dass er einfach nur «unglaublich glücklich» über den Volksentscheid sei. Der unterlegenen, knappen Minderheit werde man «die Hand ausstrecken».

Die versöhnlichen Worte verhallen auf dem Platz vor dem Ratshaus. Viel zu ausgelassen ist die Stimmung, und anwesend sind an diesem Abend ohnehin nur die Sieger. Lautstark werden sie unterstützt von zahlreichen «echten» Jurassiern, welche die Anreise gleich auch für ein Hupkonzert verwendet haben. Man prostet sich zu, erzählt von alten Zeiten, freut sich auf die bevorstehende, offiziell ausgerufene Freinacht. Das Bier dazu gibt’s gratis – von einer Kleinbrauerei aus dem Kanton Jura.


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