Wie gefährlich ist die Luft im Flieger?

FLUGVERKEHR ⋅ Die Weltgesundheitsorganisation befeuert mit einer neuen Studie den Streit über die Gefahren verschmutzter Kabinenluft. Die Pilotengewerkschaft Aeropers fordert vom Bund und der Airline-Industrie Massnahmen, stösst aber auf taube Ohren.
14. August 2017, 00:00

Dominic Wirth

Aerotoxisches Syndrom, das ist ein sperriger Begriff. Doch was sich dahinter verbirgt, bietet Sprengkraft. Denn es geht um ein boomendes Verkehrsmittel: Das Flugzeug. Und es geht um eine brisante Frage: Kann die Luft, die Flugzeugcrew und Passagiere über den Wolken einatmen, die Gesundheit gefährden? Hintergrund ist ein System, das heutzutage in fast alle Passagierflugzeuge eingebaut ist. Die Luft, die in die Kabinen gelangt, wird dabei nicht von aussen zugeführt, sondern von den Triebwerken abgezapft. Auf diesem Weg können giftige Stoffe in die Kabine gelangen (siehe Kasten).

Darüber, wie gefährlich das alles insbesondere für die Flugzeugbesatzung ist, wird schon länger gestritten. Es gibt Wissenschafter und Ärzte, die vor einem gefährlichen Chemikaliencocktail warnen, der etwa Hirn- oder Nervenzellen angreifen kann. Und sie verweisen dabei insbesondere auf den Fall des Piloten Richard Westgate. Der Brite war 42 Jahre alt, als er seine Flugtauglichkeit verlor. Er klagte unter anderem über starke Kopfschmerzen, Sehstörungen, Taubheitsgefühle in Füssen und Händen. Und es dauerte danach nur noch ein Jahr, bis er starb. Eine Studie stellt einen Zusammenhang zwischen den Symptomen von Westgate und den in der Kabinenluft vermuteten Giften her. Westgate, so vermutet der US-Professor Mohamed Abou-Donia, gehörte zu jenen Menschen, deren Körper die Stoffe aus der kontaminierten Kabinenluft nicht abbauen konnte.

Forscher sehen Berufskrankheit

Die Flugzeugbauer und auch die Airlines stellen sich auf den Standpunkt, dass ein klarer Beweis für den Zusammenhang zwischen den Stoffen in der Kabinenluft und Gesundheitsschäden fehlt. Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie, die von der europäischen Flugsicherheitsbehörde EASA in Auftrag gegeben wurde. Die Luftqualität in der Flugzeugkabine, so die EASA, sei gleich oder gar besser als in Büros oder Kindergärten.

Etwas anders tönt es in einer kürzlich im «Public Health Panorama» der Weltgesundheitsorganisation veröffentlichten Studie. Diese warnt von einer «akuten und chronischen» Aussetzung an gefährlichen Stoffen und einem «klaren Muster schädlicher Effekte» bei den untersuchten Piloten. Die Forscher sprechen von einem «klaren Kausalzusammenhang» und fordern «dringend eine Anerkennung der neuen Berufskrankheit aerotoxisches Syndrom». Daneben greifen sie auch die Airline-Industrie an: Diese zeige kein Interesse, sich mit dem Thema zu befassen.

Bei Aeropers, dem Schweizer Berufsverband des Cockpitpersonals, überraschen die Befunde nicht. «Das Problem wird von der Airline-Industrie schon seit längerem unter den Teppich gekehrt», sagt der Kommunikationsleiter Thomas Steffen. Aeropers fordert weitere, langfristige Untersuchungen. Und sie fordert auch, dass die Fluggesellschaften zum Einbau von geeigneten Filtern und Sensoren, die bei kontaminierter Luft Alarm schlagen, verpflichtet werden. «Es geht letzten Endes um die Gesundheit und die Flugfähigkeit der Piloten, aber auch um das Wohl der Passagiere», sagt Steffen.

Grosse Hoffnungen, dass sich bald etwas tut, macht man sich bei Aeropers indes nicht. Zum einen, weil Nachrüstungen immer Geld kosten. Für Flüge, die wegen schlechter Luftqualität abgebrochen werden müssen, gilt das erst recht. Und dann ist da noch das PR-Desaster, das droht, wenn nun plötzlich Massnahmen gegen das aerotoxische Syndrom ergriffen werden. Denn von dessen Existenz hatten Airlines und Flugzeugbauer bisher ja wenig wissen wollen.

Bazl und Swiss spielen den Ball weiter

Thomas Steffen nimmt deshalb nicht nur die Airlines in die Pflicht, sondern auch das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). «Unsere Forderung geht in erster Linie an die Airlines, aber wenn dort nichts passiert, müssen die Behörden tätig werden», sagt er. Die Gesetzeslage ist klar: Kabinenluft, in der sich Besatzung und Passagiere aufhalten, muss frei von gefährlichen Stoffen sein. Steffen findet, dass «das Bazl sich auf europäischer Ebene dafür einsetzen sollte, dass die Gesetze auch eingehalten werden».

Sowohl beim Bazl als auch bei der Airline Swiss hält man auf ­Anfrage fest, dass klare wissenschaftliche Beweise für gesundheitliche Gefahren bisher fehlten. Konfrontiert mit den Forderungen von Aeropers, spielen beide den Ball weiter: Das Bazl nach Köln, wo die EASA ihren Hauptsitz hat. Man übernehme als Mitgliedstaat der EASA deren Regelungen. Für den Vorschlag, weitere Forschung zum Thema zu betreiben, zeigt man sich aber offen. Die Swiss verweist an die Flugzeughersteller: technische Vorkehrungen seien deren Sache.


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