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1,4 Millionen Kindern droht der Tod

24. Februar 2017, 00:00

Verhungern dauert lange. Zuerst verzehrt sich der Körper selber. Wenn nur noch Haut und Knochen übrig sind, kommt jede Hilfe zu spät. Meist allerdings tritt der Tod schon vorher ein, nach schmerzhaften Infektionen. In dieser Gefahr sind derzeit in Afrikas Sahelzone, aber auch in Nigeria etwa fünf Millionen Menschen, unter ihnen 1,4 Millionen Kinder.

Die Katastrophe haben zum Teil Dürren, vor allem aber Menschen verursacht – Kriegsherren, die im Kampf um die Macht oder um die wahre Religion jede Menschlichkeit fallen lassen. Weltpolitisch aber hat die Hungerkrise in Süd­sudan, Jemen oder Somalia kaum Gewicht. Die Region ist nicht Syrien. Grossmächte fechten hier Stellvertreterkriege aus. Das ist zynisch, aber wahr. Gäbe es keine Bürgerkriege, müssten die Menschen nicht flüchten, hätten nicht skrupellose Kriegsherren das Sagen, die ihre Ölmilliarden ins Ausland bringen, ihre Bevölkerung aber internationalen Hilfswerken überlassen und das Land bedenkenlos verwüsten. Auch das ist zynisch, aber wahr.

Zynisch ist auch die Reaktion von Politikern weltweit. Sie führen zwar gerne das Wort von der Bekämpfung von Fluchtursachen im Mund. In Südsudan ist eine UNO-Truppe stationiert, doch militärisch zur Tatenlosigkeit verurteilt. Der UNO-Sicherheitsrat hat nicht einmal ein Waffenembargo zustande gebracht. Bei der letzten Abstimmung darüber, kurz vor Weihnachten, enthielten sich Russland, China, Japan, Venezuela, Malaysia und alle drei afrikanischen Ratsmitglieder. Die Ja-Stimmen für ein Embargo blieben in der Minderheit. Ein Armutszeugnis. Und in Jemen werden die Opfer mit verbalen Friedensappellen der UNO-Granden abgespeist, trotz des kaum geleugneten Zusammenhangs von Hunger und saudiarabischem Dauerbombardement gegen die Zivilbevölkerung.

Die internationalen Hilfs­werke werden systematisch blockiert. Allein im vergangenen Jahr wurden in Südsudan 74 ihrer Mitarbeiter getötet und weitere 108 internationale Helfer verwundet. Das Komitee vom Internationalen Roten Kreuz und die Ärzte ohne Grenzen werden immer mehr zu Angriffszielen von Rebellen und Regierungstruppen – und dies in Südsudan ebenso wie in Jemen. Spitäler werden bombardiert, Helfer entführt, um Lösegelder zu erpressen.

Dabei gibt es sogar einen Friedensprozess der Afrikanischen Union. Die Kriegsherren aus Südsudan verbringen gerne mal ein paar Tage kostenlos in Konferenzzentren und Luxushotels der Nachbarländer. Auch das ist zynisch, aber ebenfalls wahr. Mit Friedensdiplomatie hat das alles wenig zu tun. Das kann nicht der Gipfel des internationalen Krisenmanagements sein. Den Hungernden aber muss trotzalledem geholfen werden. Das muss den klammen Hilfswerken, vor allem jenen der UNO, ein Anliegen sein. Doch das Flüchtlingshilfswerk UNHCR ist bereits in den «wichtigen» Konflikten in Syrien und Irak nicht mehr in der Lage, allen Flüchtlingen wenigstens existenzsichernde Nothilfe zu leisten.

Internationale Sicherheitspolitik ist nicht nur mehr Militär und mehr Rüstung. Darauf hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel an der Münchener Sicherheitskonferenz hingewiesen. Es wäre ein Anfang, wenn diese Erkenntnis dazu führte, mehr zur Bekämpfung von Fluchtursachen zu tun, als afrikanische Machthaber dafür zu bezahlen, dass sie Flüchtlinge zurückhalten.

Walter Brehm

Auslandredaktor


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