Dank Leserbriefen Journalist geworden

NIDWALDEN/OBWALDEN ⋅ Markus von Rotz (56) leitet seit zehn Jahren die Ob- und Nidwaldner-Redaktion der «Neuen Luzerner Zeitung». Im Haus der «Neuen Luzerner Zeitung» ist er aber schon seit 26 Jahren. Der Vater zweier Töchter ist nach der Matura direkt in den Journalismus eingestiegen. Warum er für einen Artikel eingesperrt wurde und wie ein Spitaldirektor für ihn bluten musste: Hier erfahren Sie es.

Markus von Rotz, Ihr Einstieg in den Journalismus ist aussergewöhnlich. Nach der Kantonsschule in Sarnen agierten Sie als Alleinredaktor bei der Lokalzeitung «Der Obwaldner». Wie sind Sie ohne Berufserfahrung an diesen Job geraten?

Markus von Rotz: Ich kam via Leserbriefschreiben zum Journalismus. Im Gymnasium habe ich mich etwa bei Abstimmungen einige Male zu Wort gemeldet.

Und plötzlich waren Sie Redaktor?

Von Rotz: Quasi. Als mein Vorgänger einen Nachfolger suchte, hat er sich bei mir gemeldet. Er meinte, ich könne mehr als Leserbriefe schreiben. Ich muss sagen, dass mir das Schreiben immer Spass gemacht hat und dass ich stets sehr gute Noten hatte. So wurde ich als 19-jähriger Bursche Alleinredaktor beim «Obwaldner».

Und das funktionierte auf Anhieb?

Von Rotz: Ich probierte und sammelte Erfahrungen. Ich war am Anfang Auto­didakt und meinte, das Wichtigste müsste am Schluss des Artikels kommen, damit man ihn sicher fertig liest.

Wenn Ihnen dies gelang, haben Sie vieles richtig gemacht.

Von Rotz: Ja, aber als ich später beim «Vaterland» anfing, sagte man mir, dass es nicht so gut sei, die Neuigkeit am Schluss zu erzählen. Weil damals mit Fotosatz gearbeitet wurde, wo der Übersatz der Einfachheit halber am Ende des Artikels mit dem Messer weggeschnitten wurde, merkte ich schnell, dass dies nicht der richtige Ansatz war.

Vermutlich schon vorher, sonst hätte Sie das «Vaterland» kaum eingestellt. Wie haben Sie den Weg vom kleinen Blättli zu den grösseren Medien gefunden?

Von Rotz: Ich wurde nach dem «Obwaldner» als Stagiaire beim «Vaterland» eingestellt, danach war ich redaktioneller Mitarbeiter bei den LNN. Dann wurde ich Zentralschweizer Korrespondent bei der Agentur Schweizerische Politische Korrespondenz (SPK), und schliesslich holte mich Radio Pilatus als Nachrichtenchef. Später war ich zudem stellvertretender Chef­redaktor. Und zuletzt ging ich zurück zu den LNN. Das Interessante daran ist, dass die Medien immer auf mich zugekommen sind und ich mich fast nie bewerben musste. Ausser bei der Fusion der LNN mit der LZ. Das war aber nur eine administrative Angelegenheit.

Mit Learning by Doing nach der Matura haben Sie es weit gebracht. Wäre so etwas heute noch denkbar?

Von Rotz: Dass ein so Junger allein eine Zeitung übernimmt, wohl nicht. Für mich war es einfach ein Glücksfall. Ich war immer ein politischer Mensch. Die Leute interessieren mich, also habe ich einfach probiert, und das eine ergab das andere. Ich wusste damals nicht, was ich nach dem Gymi studieren sollte. Ich habe auch tatsächlich keine Stunde an einer Uni verbracht. Am Medienausbildungszentrum Luzern (MAZ) habe ich zwar einige Lehrgänge besucht, aber wie gesagt, ich war grösstenteils Autodidakt.

Wovon haben Ihre ersten Geschichten gehandelt?

Von Rotz: Damals ging es darum, ob der Kanton Obwalden das Lungernsee-Kraftwerk von den CKW zurückkaufen sollte, um es in Eigenregie zu betreiben. Das war ein Abstimmungskrimi im Parlament. Und der Streik in der Glasi Sarnen.

Sicher sind Sie auch in Fettnäpfchen getreten oder erlebten Malheurs.

Von Rotz: Natürlich. Das speziellste Ereignis war, als ich beim Blutspenden an einem Gesundheitstag den damaligen Spitaldirektor darum bat, sich für ein Bild in den Finger piksen zu lassen. Auf dem Rückweg bemerkte ich, dass ich keinen Film eingelegt hatte. So kehrte ich zurück und bat den Mann, nochmals seinen Finger hinzuhalten. Was er auch tat.

Bereiten Sie Leuten öfters Schmerzen?

Von Rotz: Nach Möglichkeit nicht. Aber geschont habe ich niemanden. Auch heute nicht. Eine Gemeindepräsidentin sagte mir nach ihrem Rücktritt, dass sie sich oft über mich geärgert habe, aber dass ich sie immer fair behandelt habe. Ich finde es schon auch wichtig, dass man jeden Morgen in den Spiegel blicken kann.

Sie haben es fertiggebracht, dass Sie ein Sujet an der Fasnacht waren. Wie haben Sie sich das verdient?

Von Rotz: Als ich herausfand, dass sie auf einer Alp in Giswil an einem Fest Bratkäse aus Dänemark verkauften, habe ich natürlich eine Geschichte gemacht. An der Fasnacht haben dann einige Leute zu diesem Sujet einen Wagen gebaut, samt meinem Pult und meiner Telefonnummer. Sie steckten mich in einen mitgeführten grossen Vogelkäfig und nahmen mich geschätzt einen Kilometer weit mit. Das war ein lustiges Erlebnis, denn eigentlich war ja nicht ich der Übeltäter.

Sie waren auch länger verantwortlich für die Ausbildung und Betreuung von Praktikanten bei der «Neuen Luzerner Zeitung». Was geben Sie den jungen Leuten mit auf den Weg?

Von Rotz: Wenn sich zum Beispiel jemand schwertut mit einer Geschichte, sage ich ihm, er solle mir die Story im Dialekt erzählen – und diese danach genauso aufschreiben. Oder es kann helfen, sich einen «Phantomleser» vorzustellen, die Mutter, einen Kollegen, die Freundin.

Wie funktioniert eine Lokalzeitung in der heutigen Zeit?

Von Rotz: Lokalzeitung zu machen, ist nicht so einfach, das zeigte das Beispiel der «Obwalden Nidwalden Zeitung» (ONZ), die zweimal wöchentlich erschien und täglich online aktualisiert wurde. Die ONZ hat mit einem Tessiner Chefredaktor in knapp eineinhalb Jahren 3 Millionen Franken verbraten – ohne dass wir das journalistisch und werbemässig stark gespürt hätten. Die Anbindung einer Lokalredaktion an die Bevölkerung ist nicht zu unterschätzen.

Wenn Sie das Thema schon anschneiden. Wie unterschiedlich sind die Nidwaldner gegenüber den Obwaldnern in der Mentalität oder auch politisch?

Von Rotz: Da gibt es schon Unterschiede. Der Obwaldner ist eher offen gegenüber Neuem, während der Nidwaldner viel geschichtsbewusster und traditioneller ist.

Im Gespräch mit Kollegen der anderen Aussenredaktionen höre ich immer wieder, dass viele Vereine es nicht verstehen, wenn man ihnen nicht genug Gehör verschafft. Wie erleben Sie das?

Von Rotz: Genau gleich. Viele begreifen nicht, dass wir nicht überall dabei sein können. Dann heisst es etwa: Wir sind der grösste Verein, und es sind zwei, drei Regierungsräte angemeldet. Dass aber an der Versammlung nur der Kassen- und der Jahresbericht abgenickt werden, ist für uns eher ein Grund, nicht hinzugehen. Im Wissen, dass für einen Verein die GV etwas vom Wichtigsten ist. Eigentlich wäre in einem solchen Fall die Geschichte eher jene, wie es sein kann, dass drei Regierungsräte Zeit finden, an einer GV desselben Vereins teilzunehmen.

Was sind sonst die Kleinigkeiten, die täglich anfallen?

Von Rotz: Ich wundere mich immer wieder, dass uns die Leute Bilder in sehr kleiner Auflösung schicken. Je besser Handys oder Kameras sind, desto schlechter ist die Qualität der Bilder. Das ist ein Dauerärger.

Sie sind seit 37 Jahren im Journalismus tätig. In dieser Branche hat sich Enormes getan, und Sie erlebten den Wandel hautnah mit. Wie sehen Sie die Zukunft der Zeitung?

Von Rotz: Darüber mache ich mir sehr viele Gedanken. Warum betreiben wir den ganzen Aufwand mit dem Drucken und Vertragen der Zeitung, es ginge ja auch elektronisch. Aber es ist ein anderes Feeling, auf Papier zu lesen, und wir würden viele Leser mit einer Nur-Onlineausgabe überfordern. Gleichzeitig ist es die Schwierigkeit, den online-affinen Lesern am anderen Tag noch Mehrwert zu bieten.

Die jüngeren Leser können damit schon umgehen.

Von Rotz: Sicher, aber ich sehe auch die andere Seite: Unsere Vereinsseiten (Wochenblatt) sprechen gedruckt auch Jüngere an, weil sie diese Informationen online nirgends erhalten und weil sich in den Vereinen Kollegen bewegen, die sie kennen. Es ist und bleibt aber eine Herausforderung, gegen Gratis-Onlinemedien zu bestehen und so viel zu bieten, dass dies dem Leser 440 Franken pro Jahr wert ist.

Wie machen Sie diese Summe der Geiz-ist-geil-Generation schmackhaft, die alles nur gratis will?

Von Rotz: Ich bin klar der Meinung, dass wir mit 1.30 Franken pro Ausgabe ein sehr kostengünstiges Produkt liefern. Was bekommt man heute schon noch zu diesem Preis? Einen Drittel eines Kaffees, drei Zigaretten oder eine Tafel Schoggi. Und wie oft kauft man diese Artikel?

Roger Rüegger

Die Menschen hinter den News

Markus von Rotz

Redaktionsleiter Obwaldner und Nidwaldner Zeitung, Alter: 56 Jahre


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