Kopf des Tages

Der Wilde unter den Angepassten

FERNSEHEN ⋅ Der Luzerner Dominic Deville wird das neue Gesicht der Humor-Sparte des SRF. Eine erstaunliche Wandlung vom Punk bis zur Billag-Zahler-Tauglichkeit.

18. November 2016, 00:00

Vielleicht war das fast ein bisschen prophetisch: «Make SRF great again!», rief Dominic Deville vor der Aufzeichnung seiner ersten Sendung im Mai. Damals hat man in Europa noch über Trump und seinen Slogan gelacht. Seit gestern ist jetzt klar, dass nicht mehr nur das amerikanische Volk gerne «great again» werden will, sondern auch SRF. Die Macher bestätigten gegenüber «20 Minuten», dass der Luzerner Deville eine dritte Staffel seines Late-Night-Formats drehen kann. Damit wird er zwar nicht Nachfolger von «Giacobbo/Müller» (dieser Sendeplatz geht an «Aeschbacher»), aber er wird wohl definitiv das neue Gesicht der Humor-Sparte von SRF. Über die anderen getesteten Formate – «Müslüm-Televi­sion» und «Querdenker» – wurde zwar das Absetzungsurteil noch nicht gefällt, aber zumindest ein schleichender Tod erscheint logisch: Beide überzeugten nicht.

Auch Deville war nicht immer überzeugend. Seine erste Folge war fahrig und durchzogen. Der zweifache Vater war offensichtlich nervös und schwitzte nicht nur wegen der zahlreichen Lampen. Das erstaunte doch ein wenig: Deville ist die klassische Rampensau. Bühnen nimmt er im Sturm ein. Er spielt mit Leib und Seele, er schreit und berserkert sich durch seine Bühnenprogramme. Im ersten verarbeitete er seine Vergangenheit als ausgebildeter Kindergärtner, im zweiten reflektierte er sein neues Leben als Kleinkünstler. Weil er dabei auch mal laut und krawallig werden konnte, frassen ihm die Leute aus der Hand. Deville war der Rock-’n’-Roller im Kabarettkuchen, wo sonst alle Grenzen zwar austesten, aber niemals überschreiten. Er war der Wilde inmitten von Angepassten.

Wer Devilles Werdegang dagegen schon länger verfolgte, der fragte sich, wie fest Deville sich bremsen musste. Unvergessen grossartig sind die Auftritte in seiner 2-Mann-Band Failed Teachers, die nicht selten mit Schnittverletzungen und wüsten Beschimpfungen endeten. Auch manche seiner Moderationen waren derart böse, dass dem Publikum im Kleintheater die Nüssli im Halse stecken geblieben wären. Und im von ihm mitgegründeten Splätterlitheater spritzt Blut auf die Zuschauer in den ersten Reihen. Kann man alles lustig finden, muss man aber nicht – es war damals aber eben typisch Deville.

Ob es mit innerer Handbremse oder mit Altersmilde zu tun hat, ist offen. Klar ist aber: Der neue Dominic Deville ist komplett Billag-Zahler-tauglich. Zwar blitzt der «böse» Deville gerade in den spontanen Momenten immer mal wieder auf, aber unter dem Strich könnte «Deville» auch um 20 Uhr statt erst um 23.45 Uhr laufen. In den letzten Folgen zeigt sich, das Deville sein Potenzial immer mehr ausschöpft – auch dank seinem charmanten St. Galler Sidekick Manuel Stahlberger. Ob er es wirklich schafft, «SRF great again» zu machen, ist trotzdem fraglich. Aber dass Trump Präsident wird, hätte im vergangenen Mai auch noch keiner gedacht.

Michael Graber

Die komplette erste Show von «Deville», zur Verfügung gestellt von SRF Comedy. (youtube.com, 18.11.2016)




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