Kopf des Tages

Der bekannteste Tierarzt der Schweiz

SEUCHEN ⋅ Als Chef des Veterinäramts schützt Hans Wyss (56) die Schweiz vor der Vogel­grippe. Seine Karriere bezeichnet der ehemalige Sportjournalist als Zufall.

16. November 2016, 00:00

Wieder mal war es so weit. Hans Wyss musste vor den Medien über die neuste Tierseuche Auskunft geben. H5N8 heisst der neuste Typ der Vogelgrippe, der sich in Europa ausbreitet. Hunderte von Schweizer Wildvögeln sind bereits daran verendet. Nun versucht der Bund die Ansteckung von Geflügel zu verhindern. Ab heute müssen die Hühnerställe und -gehege deshalb von der Aussenwelt abgetrennt sein (siehe Seite 21).

Wyss hat Erfahrungen in der Krisenkommunikation. Ob Rinderwahn, Vogelgrippe oder Schweinegrippe: Seit nun mehr 13 Jahren ist er verantwortlich für das Veterinärwesen der Schweiz. Immer dann, wenn eine Tierseuche umgeht, ist er ein gefragter Mann. Er muss die getroffenen Massnahmen bekannt geben, die Gefahren­lage einschätzen und einer allfälligen Panik entgegentreten.

«Wir befinden uns nicht in Alarmzustand», sagt er gestern am Sitz des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen in Bern. Der 56-Jährige redet ruhig und besonnen. Auf Fragen geht er bereitwillig ein. Die Botschaft: Der Bund ist wachsam und hat alles im Griff. Es gibt keinen Grund zur Sorge. Wyss gilt als guter Kommunikator. Er ist kein Roger Köppel, kein Cédric Wermuth. Seine Reden sind nicht geschliffen. Er nimmt sich auch mal Zeit, das richtige Wort zu finden. Seine Sprache ist einfach, seine Erklärungen verständlich. Er will nicht blenden, sondern Vertrauen wecken. «Das höchste Gut ist die Glaubwürdigkeit», sagt er. «Die Leute merken, wenn man etwas nur sagt und nicht macht.»

Wyss ist das, was man landläufig als bodenständig bezeichnet. Aufgewachsen in bäuerlichem Umfeld im Umland der Stadt Bern, faszinierten ihn Tiere schon in jungen Jahren. Als Teenager verbrachte er seine Freizeit am liebsten auf dem Rücken eines Pferdes. Wyss studierte Tiermedizin und schrieb seine Doktorarbeit zu Atemproblemen bei Pferden. Später wurde er Partner in einer Landarztpraxis, dann stellvertretender Kantonstierarzt des Kantons Bern. Dazwischen arbeitete er als Sportreporter bei Radio DRS. Eine auf den ersten Blick untypische Wahl, die ihm schliesslich aber den Weg zum Amtsdirektor ebnete. Im Jahr 1999 wurde er Kommunikationschef des Veterinäramts, 2003 dessen Direktor. Wyss kommentiert seinen Weg gewohnt unpräten­tiös: «Ich habe keine Karriere geplant, es war alles eher Zufall.»

In Bundesbern kriegt Wyss vornehmlich gute Noten. Und doch gab es auch kritische Momente in seiner Amtszeit. 2005 geriet Wyss ins Visier der Boulevardzeitung «Blick», als er sich nach der tödlichen Kampfhundeattacke zunächst gegen ein Rassenverbot stellte. Dieses Jahr erhielt Wyss zudem den rostigen Paragrafen der IG Freiheit für die unsinnigste Regelung des Jahres. Verliehen wurde er ihm für das «Bürokratie-Monster» Largo, welches neue Vorschriften für Lebensmittel enthält. Wyss selbst sieht sich nicht als Interventionist. Vielmehr setze er alles daran, dass möglichst wenig Bürokratie geschaffen werde. Insgesamt geht er mit Kritik gelassen um. Er sagt: «Mein Selbstwertgefühl hängt nicht davon ab, wie ich in den Medien beurteilt werde.»

Roger Braun


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