Kopf des Tages

Die Ruhe selbst

RICARDO RODRIGUEZ ⋅ Der linke Aussenverteidiger entdeckt nun auch das Toreschiessen für die Schweiz. Und erzählt davon in stoischer Ruhe.

10. Oktober 2016, 00:00

Ein stiller Zeitgenosse ist er, Ricardo Rodriguez, er wirkt gar ein wenig schüchtern. So spielt er auch Fussball, bei Wolfsburg und in der Nationalmannschaft, also nicht schüchtern, vielmehr ruhig, abgeklärt, besonnen, entspannt. Und das jederzeit.

Der 24-jährige ist unangefochtener Fixstarter im Schweizer Team, er absolvierte 2014 an der WM und jüngst an der EM das Maximum an Einsatzminuten. Zudem ist er Olympia-Teilnehmer 2012 in London und U-17-Weltmeister mit der Schweiz in Nigeria, und nun, im 38. Länderspiel gegen die Ungarn am Freitag, hat er sein erstes Tor im Nationaldress erzielt. Und was für eines: Per Volley traf er von der Seite des Sechzehners in die weite Ecke. Er sagt ruhig: «Es wurde langsam Zeit, dass ich einen Treffer erzielen konnte.»

2010 debütierte Rodriguez als 17-Jähriger für den FC Zürich in der Super League, knapp zwei Jahre später wechselte er für 10 Millionen Franken zu Wolfsburg und wurde dort sogleich ein Faktor. Sei es per Penalty, aus dem Spiel heraus oder als Freistossschütze. Beim ambitionierten Bundesligaklub kennt er das Gefühl des Toreschiessens; in 164 Pflichtspielen bereits 21 Mal, und das als linker Aussenverteidiger. Rodriguez sagt: «In der Nationalmannschaft erhalte ich weniger Bälle, die ich verwerten kann.»

In Zürich ist Rodriguez aufgewachsen, mit der Nestwärme einer chilenischen Mutter und eines spanischen Vaters, seit 2009 besitzt er den Schweizer Pass. In der Schule fand er sich nicht gut zurecht, die Noten waren schlecht, also setzte er früh und ausschliesslich auf den Fussball, eine Lehre gab es nicht. Seine beiden Brüder taten es ihm gleich und wurden Profis: Roberto, der Älteste, spielt nun beim FC Zürich, und Francisco, der Jüngste, beim FC Luzern. «Sie gratulierten mir sofort per SMS zu meinem Tor und freuten sich für mich», sagt Roberto. Die Familie steht bei den Rodriguez’ über allem, man ist füreinander da, egal, was passiert, und besonders, als die Mutter nach langer Krankheit im vergangenen November verstarb. Der Verlust schmerzte enorm.

Vielleicht scheint er auch deswegen die Zeiten im Nationalteam zu geniessen, hier kann er sich ausklinken, hier hat er seine Freunde. Oft stecken Rodriguez, Granit Xhaka und Breel Embolo die Köpfe zusammen, man spürt, hier gibt es tiefe Verbundenheit. Vielleicht ist ja gerade Arsenal-Profi Xhaka derjenige, der seinem Kumpel Rodriguez Tipps gibt für die nächsten Schritte in der Karriere. Bei Wolfsburg hat er noch einen Vertrag bis 2019, immer wieder gab und gibt es Gerüchte um einen Wechsel, Manchester United oder Real Madrid wurden schon als mögliche Abnehmer genannt. Bisher hat es allerdings nie geklappt, und die bis zu diesem Sommer gültige Klausel im Vertrag, für die festgeschriebene Ablösesumme von 25 Millionen Euro Franken wechseln zu können, ist verstrichen.

Rodriguez wird also weiterhin in der Bundesliga auf Torejagd gehen. Und vielleicht wird er auch heute wieder für die Schweiz treffen, in Andorra la Vella, wo die Nationalmannschaft im dritten WM-Qualifikationsspiel gegen Andorra haushoher Favorit ist. «Es wird auf dem Kunstrasen nicht einfach, wir werden dann sehen, wie die Partie läuft.» Rodriguez sagt das ruhig, er ist völlig entspannt.

Christian Brägger/Andorra


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