Die kaum beachtete Minderheit

ASIAN AMERICANS ⋅ Amerikaner mit asiatischen Vorfahren sind die am schnellsten wachsende Volksgruppe der USA. Im Wahlzirkus spielen sie aber nur in ausgewählten Bundesstaaten eine wichtige Rolle.

17. Oktober 2016, 00:00

Renzo Ruf/Falls Church, Virginia

Und plötzlich ist man mitten in Vietnam. Das Eden-Center in Falls Church (Virginia) ist eines der grössten asiatischen Einkaufszentren an der amerikanischen Ostküste. 120 Geschäfte und Restaurants bieten 20 Autominuten vom Weissen Haus entfernt Spezialitäten an, von «Bánh mi» (Sandwich) bis hin zu «Pho» (Eintopf). Das Eden-Center ist aber auch ein Begegnungsort für die mehr als 70 000 Amerikaner vietnamesischer Abstammung, die im Speckgürtel der amerikanischen Hauptstadt wohnen – um den kein Wahlkämpfer in den hektischen Tagen vor dem 8. November einen Bogen machen kann. «Wir unternehmen immer wieder den Versuch, im Einkaufszentrum mit Wählerinnen und Wählern ins Gespräch zu kommen», sagt Dewita Soeharjono, die Präsidentin der Democratic Asian Americans of Virginia, einer Unterorganisation der Demokratischen Partei. Die Gespräche drehten sich dabei um grundsätzliche Fragen wie den Eintrag ins Wahlregister. Sämtliche Amerikaner asiatischer Abstammung müssten endlich zur Kenntnis nehmen, dass sie sich stärker am politischen Prozess beteiligen müssten, sagt Soeharjono – damit sie ihre Rolle als Zünglein an der Waage spielen können.

In der Tat: In mindestens zwei der Bundesstaaten, die in der Präsidentenwahl besonders stark umkämpft sind, stellen die insgesamt 21 Millionen Einwanderer aus Viet­nam, Korea, China, den Philippinen, Indien und anderen asiatischen Staaten einen ansehnlichen Teil der Bevölkerung. In Nevada lassen sich 9 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner der Bevölkerungsgruppe Asian Americans zuteilen, in Virginia sind es rund 5 Prozent.

Sprache als Hindernis

Allerdings ist das Ringen um die Wählergruppe in den Augen der Politologin Janelle Wong bereits entschieden. In einer soeben publizierten Wahlstudie («Asian American voices in the 2016 election») zeigt Co-Autorin Wong auf, dass die Demokraten bei den Asian Americans über die weit besseren Karten als die Republikaner verfügten. Zwar ist die Bevölkerungsgruppe keinesfalls homogen: So vertreten Amerikaner aus Vietnam ein weit rechteres Gedankengut als Angehörige der Hmong-Volksgruppe aus Thailand, Vietnam und Laos. Aber unter dem Strich ist Hillary Clinton bei den Asian Americans die bevorzugte Präsidentschaftskandidatin: Sie bringt es auf 70 Prozent der Stimmen, was einem Vorsprung von 50 Punkten auf den republikanischen Konkurrenten Donald Trump entspricht. Janelle Wong sagt, dass dies in erster Linie mit den Positionen zusammenhänge, für die Präsidentschaftskandidatin Clinton einstehe. Amerikaner mit asiatischen Wurzeln seien häufig staatsgläubig, selbst wenn sie sich als konservativ bezeichneten. So befürworteten sie den Ausbau des Gesundheits- und Bildungswesens über Steuermittel. Hinzu komme, dass die zweite Generation der Asian Americans unter Bill Clinton politisch gross geworden und deshalb stark von der Präsidentschaft des Demokraten geprägt worden sei, sagt Wong. Clinton war es auch, der im Jahr 2000 erstmals ein Regierungsmitglied mit asiatischen Wurzeln berief: Handelsminister Norman Mineta, dessen Eltern aus Japan stammten. Der langjährige demokratische Parlamentarier Mineta diente anschliessend bis 2006 dem republikanischen Präsidenten George W. Bush als Verkehrsminister.

Die Demokratin Dewita Soeharjono nennt einen weiteren Grund, warum Asian Americans sich nicht für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten erwärmen können: «Viele sind Flüchtlinge, die vor autoritären Herrschern geflohen sind. Und Trump erinnert sie an ihre Heimat.» Allerdings ist es nicht ganz einfach, all diese potenziellen Trump-­Gegner an die Urne zu bringen, wie sie einräumt. Die Sprache ist zum Beispiel ein Hindernis. Gemäss der Volkszählungsbehörde sprechen und verstehen nur rund zwei Drittel der Amerikaner mit asiatischen Vorfahren Englisch – dies erschwert nicht nur die Kommunikation zwischen Parteien und Wählern, auch verstehen viele Einwanderer den Wahlprozess nicht und sehen sich mit logistischen Problemen konfrontiert. So stellt eine nationale Wahlbehörde zwar das unentbehrliche Formular zur Registrierung von Wählern in fünf asiatischen Sprachen zur Verfügung. Die eigentlichen Wahlzettel sind aber in den meisten Bezirken nur in Englisch und Spanisch erhältlich – selbst im Bezirk Fairfax County in Virginia, in dem mehr als 200 000 Asian Americans wohnen, umgerechnet 18,9 Prozent der Bevölkerung.


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