Kopf des Tages

Flüchtlingskind an Spitze

ÖSTERREICH ⋅ Alexander Van der Bellen (73) wird nach einem kuriosen Wahlkampf als Präsident vereidigt. Doch ans Amt wird er sich noch gewöhnen müssen.
26. Januar 2017, 00:00

Es ist allein schon ein Kuriosum, dass der Präsident einer Republik inmitten des barocken Prunks der einstigen Habsburger Kaiser residiert. Für einen Grünen muss das monarchische Ambiente der alten Wiener Hofburg, von der aus einstmals Maria Theresia ein Riesenreich lenkte, noch viel bizarrer wirken. Aber auch der nüchterne Ex-Grünenchef und Wirtschaftsprofessor Alexander Van der Bellen, der heute als neuer Bundespräsident vereidigt wird, muss sich mit der Rolle des Ersatzkaisers abfinden, als den ihn die meisten Österreicher sehen wollen.

Es hat lange gedauert mit dem Einzug in die Hofburg. Fast ein Jahr lang zog sich der Wahlkampf hin, der längste und einer der schmutzigsten in der Zweiten Republik. Wegen Anfechtung und technischer Pannen musste die Wahl wiederholt und erneut verschoben werden. Damit war auch das Wortmonster des Jahres geboren: «Bundespräsidentenwahlwiederholungsverschiebung». Anfang Dezember war klar, dass VdB – das Akronym ist längst zu seinem Markenzeichen geworden – seinen Herausforderer Norbert Hofer von der rechten FPÖ mit 53 Prozent der Stimmen klar besiegt hatte. Van der Bellen, seit wenigen Tagen 73 Jahre alt, ist ein Flüchtlingskind, das zum Staatsoberhaupt aufstieg. Zweimal waren seine grossbürgerlichen Eltern auf der Flucht, zweimal haben sie alles verloren. Eine grandiose Geschichte, die manche Bösartigkeit gegenüber Zuwanderer hätte Lügen strafen können, wäre sie im allgemeinen Wahlkampfgetöse nicht völlig untergegangen.

Seine Herkunft kennt VdB selbst nur lückenhaft, die Eltern hatten ihm wenig davon erzählt, Dokumente sind verschollen. Seine Vorfahren stammen aus Holland, die Mitte des 18. Jahrhunderts nach Russland auswanderten. Nach der Machtergreifung der Bolschewiken 1919 flüchteten seine grossbürgerlichen Eltern nach Estland, nach dem Einmarsch der Roten Armee in Tallinn entschloss sich die Familie 1941 erneut zur Flucht und kam über Deutschland nach Wien, wo «Sascha» am 18. Januar 1944 geboren wurde. Die Familie übersiedelte ins Tiroler Kaunertal, wo sein Vater, ein Geschäftsmann, eine neue Existenz aufbaute. An der Universität Innsbruck studierte und lehrte VdB Volkswirtschaft, machte den Doktor in Finanzwissenschaft. Nach politischen Anfängen bei den Sozialdemokraten wechselte er zu den Grünen, als deren Abgeordneter er 1994 in das Parlament einzog. In den zwölf Jahren als Grünenchef verdoppelte er die Stimmen und machte sie zu einer ernst genommenen Oppositionskraft. Seinen politischen Wandel beschrieb VdB einmal selbstironisch «von einem arroganten Antikapitalisten zu einem grosszügigen Linksliberalen».

Mit ihm bekommt Österreich den ersten Bundespräsidenten, der nicht aus einer der zwei traditionellen Regierungsparteien kommt. SPÖ und ÖVP sind entsprechend verunsichert. Die nahezu autokratische Machtfülle, welche die Verfassung dem Präsidenten formal gibt, ist dem bedächtigen Menschen und überzeugten Demokraten Van der Bellen eher peinlich. Aber als hellhöriger Wächter des Rechtsstaates, der Menschenrechte und des Umweltschutzes will er sich in das politische Tagesgeschäft einmischen, wann immer ihm dies nötig erscheint. Doch hätte sich der Ex-Grünenchef wohl nie träumen lassen, dass er dereinst auch Oberbefehlshaber der Armee sein würde.

Rudolf Gruber/Wien


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