Kopf des Tages

Go, Johnny, go!

MUSIK ⋅ Chuck Berry, Rock’n’Roller der ersten Stunde, wird heute 90 Jahre alt. Sein Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik kann kaum überschätzt werden.

18. Oktober 2016, 00:00

– auch mit 90 Jahren

Es gibt diese eingängigen Gitarrenriffs, bei denen man innerhalb einer Sekunde weiss, zu welchem Song sie gehören. «Smoke on the Water» von Deep Purple und «Satisfaction» von den Stones sind die bekanntesten Beispiele dafür. Bei Chuck Berry ist es nicht ganz so einfach. Zwar hat auch er «seinen» Erfolgs-Riff, aber geschäftstüchtig, wie er nun mal ist, hatte er rasch erkannt, dass sich viel mehr Geld verdienen lässt, wenn man diesen nicht nur als Intro für ein einziges Stück verwendet, sondern gleich mehrfach. Deshalb weiss man bei Chuck Berry nie auf Anhieb, ob nun wirklich sein bekanntester Song «Johnny B. Goode» läuft oder vielleicht doch «Roll Over Beethoven», «Carol», oder «Little Queenie».

Der berühmte Chuck-Berry-Riff, den Heerscharen von Gitarristen auf der ganzen Welt nachspielten und immer noch -spielen, hatte Berry übrigens gar nicht selber erfunden, sondern einer Aufnahme des Rhythm-and-Blues-Pioniers Louis Jordan aus dem Jahr 1946 abgekupfert. «Ain’t that just like a woman», heisst das Stück, und das Intro stammte vom Gitarristen Carl Hogan. Chuck Berry auf einen Gitarrenriff zu reduzieren wäre falsch. Den Erfolg verdankt er nicht nur dem Sound, sondern ebenso seinen frech-witzigen Texten. Schnell hatte er gemerkt, dass der frühe Rock’n’Roll eine reine Teenager-Angelegenheit war, und so spezialisierte er sich darauf, die Freuden und Leiden der amerikanischen Jugend zu besingen, etwa in «School day» oder «Sweet little Sixteen». Besonders witzig war sein Kommentar zur musikalischen Revolution, die sich 1956 in den USA abspielte: «Roll over, Beethoven, and tell Tchaikovsky the news.» Schon seine erste Platte brachte Chuck Berry 1955 den Durchbruch. «Maybellene» kam auf Platz 5 der US-Pop-Charts, und damit ist Berry der erste schwarze Rock’n’Roller, der die Top Ten erreichte. Das war nur möglich, weil er von Anfang an auch die weissen Teenager begeistern konnte.

Die Erfolgswelle hielt bis 1959 an, dann wendete sich das Blatt. Berry geriet – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal – mit dem Gesetz in Konflikt. In seinem Nachtclub hatte er eine minderjährige Prostituierte beschäftigt und sich dann mit ihr zerstritten. Er musste für mehr als zwei Jahre ins Gefängnis. Als er freigelassen wurde, lief in den USA gerade die sogenannte Britische Invasion an: Englische Beatbands eroberten 1964 die US-Hitparaden. Für Chuck Berry war es Fluch und Segen zugleich. Seine Platten interessierten keinen mehr, dafür verkauften sich seine alten Hits jetzt millionenfach in Coverversionen der Beatles, der Rolling Stones und anderer Gruppen. Bis weit in die Siebzigerjahre hinein hatten fast alle bedeutenden Rockmusiker Songs von Berry im Repertoire. Sein Platz in der Rockgeschichte ist damit gesichert.

Falls Chuck Berry seinen 90. Geburtstag heute zusammen mit den anderen noch lebenden Rocklegenden der ersten Stunde feiern möchte, dann trifft man sich nur im kleinen Kreis. Teilnehmer wären neben dem Jubilar etwa Fats Domino (88), Little Richard (84) und Jerry Lee Lewis (81). Die Laudatio soll an ein Rockmusiker halten, der nur 40 Jahre alt wurde, John Lennon: «If you tried to give Rock’n’Roll another name, you might call it Chuck Berry.»

Andreas Bauer


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