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Halt die Klappe!

15. November 2016, 00:00

In letzter Zeit kam in mir immer wieder dieser leise Verdacht hoch, dass meine Maschinen und Geräte schlauer sein wollen als ich, dass ich von ihnen zum Narren gehalten werde. Vor allem dann, wenn meine Digitalwaage wieder mal ihre Tage hat, sich aufspielt und mir weismachen will, ich sei über hundert Kilo. Das hat doch wohl mit der Realität nicht mehr viel zu tun. Ich konnte das letzt­hin glasklar beweisen, indem ich mir nach dem Wiegevorgang alle Zehennägel schnitt, wieder draufstand, und was las ich auf der Anzeige? Die gleiche, an den Haaren herbeigezogene Zahl, keine Veränderung, das sagt doch alles!

Da soll noch einer behaupten, diese Waagen würden unabhängig und neutral arbeiten. Nein, die werden bezahlt von der Diätindustrie und sollen Menschen, die nicht so charakterstark und selbstbewusst sind wie ich, dazu verleiten, für teures Geld eine Protein-Kleie-Sägemehl-Diät-Mischung zu kaufen, am besten im kundenfreundlichen Zehn-Kilo-Gebinde. Nicht mit mir! Ich sage: Solange ich noch in diese meine Schuhe hineinpasse, habe ich nicht zugenommen. Alles Verschwörung. Dabei habe ich nichts gegen intelligente Maschinen, nichts dagegen, wenn meine Kaffeemaschine etwas mitdenkt und mir mitteilt, ich solle Wasser oder Bohnen nachfüllen. Aber schon beim «Trester leeren» hört es auf. Sie will unbedingt, dass ich das Tresterfach leere, nur weil es voll ist. Und sie sitzt am längeren Hebel, verweigert jegliche Kaffeezubereitung, zickt herum, bis ich ihren Befehl ausgeführt habe. Ich bin Sklave meiner Maschine.

Nicht genug damit: Wenn ich sie im Standby-Modus vergessen habe, fängt sie plötzlich an zu spülen, sich selber zu überprüfen, rumpelt selbstgefällig herum und kommt sich grossartig vor. Oder das Navi, dieses arrogante Ding, kommandiert mich in der Gegend herum, und ich spüre genau, es nützt seine Position gnadenlos aus, gibt mir mit süffisantem Unterton Be­fehle: «Nach 50 Metern links abbiegen ... Jetzt links abbiegen ... Bitte umdrehen, falsche Richtung!» Ich bin auch schon ausgestiegen und habe gesagt: «Fahr doch selber, wenn du alles besser weisst, da kann ich ja gleich heiraten! Sobald aber dein Akku leer ist, weisst du auch nicht mehr, wo der Bartli den Most holen soll.»

Auch mein Auto ist auf diesen Zug aufgesprungen (schönes Wortspiel). Ich habe nichts dagegen, wenn es mir bei Vollbremsung hilft, wirklich vollständig zu bremsen, keine Frage. Wenn es aber plötzlich meldet: «Im vorderen rechten Reifen ist der Luftdruck 20 Prozent zu tief.» Klugscheisser!

Gut, heute muss ich aufpassen, was ich sage, jetzt kommen ja bald die selbstfahrenden Autos. Achtung, jetzt folgt ein ganz böser Satz, von dem ich mich schon jetzt distanziere: Die selbstfahrenden Autos werden kein Problem für uns sein, wir sind ja auch schon mit den selbstfahrenden Frauen klargekommen. Kann es in Zu­kunft sein, dass ich am offenen Garagentor einen Zettel finde: «Bin dann schon mal weg. Gruss, Auto.»

Sehr perfide Geräte sind auch die Schachcomputer. Da habe ich nur eine Chance, wenn der Akku schwächelt oder wenn ich Stufe «Volltrottel» einstelle. Oder mein iPhone: Ich will nur ein Stäubchen vom Display wischen, da hat es schon zwei Apps und die Sprachsteuerung gestartet. Doch die absolute Frechheit in Person (oder besser in Gerät) ist für mich mein Drucker. Dieser dumme, einfältige Patronen-hin-und-her-Schieber hat tatsächlich das Ge­fühl, er könne mich reinlegen, indem er fordert: «Patrone ist leer, muss ausgewechselt werden.» Ha, ha, ha! Da musst du früher aufstehen! Ich weiss genau, dass in der Patrone noch genug Tinte ist für mindestens 50 Ausdrucke! Und natürlich ist da noch genug Tinte für 100 Ausdrucke! Aber keine Meldung des Druckers: «Exgüsi, ich habe mich getäuscht, ich bitte um Entschuldigung.» Das wäre doch das Mindeste, aber er versucht es jedes Mal wieder, das sagt doch alles.

Ich habe letzthin gelesen, ein Liter Druckerflüssigkeit von HP koste gleich viel wie ein Liter des Edelparfüms «Chanel 5». Also bitte, lieber Drucker, wenn ich dich schon füttere mit teuerstem Nektar, bitte ich dich nur um eines: «Halt wenigstens die Klappe!»

Peach Weber, Komiker


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