Kopf des Tages

Harmoniebedürftiger Spielverderber

BERN ⋅ Alec von Graffenried (54) von der Grünen Freien Liste ist der grosse Sieger der Stadtberner Wahlen. Ob er allerdings Stadtpräsident wird, ist noch völlig offen.

29. November 2016, 00:00

Nachdem die Wahllokale geschlossen waren, stürzte sich Alec von Graffenried in die 9,54 Grad kalte Aare. Die Teilnahme am traditionellen «Zibeleschwümme» liess er sich auch am Tag der grossen Entscheidung nicht nehmen. Einige Stunden später konnte sich der ehemalige Nationalrat im Berner Rathaus dann als grosser Wahlsieger feiern lassen. Bei der Ausmarchung ums Stadtpräsidium und bei den Wahlen für die Stadtregierung erreichte der Vertreter der Grünen Freien Liste das beste Resultat aller Kandidierenden.

Klar ist: Alec von Graffenried wird Ende Jahr seinen Job als Direktor Immobilienentwicklung bei der Baufirma Losinger Marazzi an den Nagel hängen und vollamtlich eine Direktion der Berner Stadtverwaltung übernehmen. Unsicher ist allerdings, ob er dies als einfacher Gemeinderat oder als neuer Stadtpräsident tun wird. Da am Sonntag niemand das absolute Mehr erreichte, kommt es am 15. Januar zur Stichwahl. Reto Nause von der CVP hat als einziger gewählter Bürgerlicher bereits Forfait erklärt. Ursula Wyss und Franziska Teuscher wollen sich bis morgen entscheiden, ob sie es nochmals wissen wollen. Alec von Graffenried wird wahrscheinlich mindestens gegen eine der beiden antreten müssen.

Von Graffenried bezeichnet sich zwar selber als harmoniebedürftig und streicht gerne seine Qualitäten als Brückenbauer hervor. Dass er die Auseinandersetzung dennoch nicht scheut, hat er aber bereits mit seiner Stapi-Kandidatur bewiesen. Als Ursula Wyss als Vertreterin der grössten Partei im August 2015 ihre Ambitionen bekannt gegeben hatte, schien der Mist bereits geführt. Das Vorpreschen von Alec von Graffenried liess das RGM-Bündnis beinahe implodieren. Nun hat seine Kandidatur Rot-Grün-Mitte sogar noch stärker gemacht. Künftig besetzt das Bündnis vier von fünf Sitzen in der Stadtregierung.

Von Graffenried ist linken Anliegen wie der 1:12- oder der Mindestlohninitiative stets hart entgegengetreten und wird oft eher als Links­liberaler denn als Grüner bezeichnet. Bereits am Sonntag hat er auch von der politischen Mitte viele Stimmen erhalten. Sollte sich Teuscher für den zweiten Wahlgang aus dem Rennen nehmen, wird es dennoch schwierig für von Graffenried. Aufgrund der politischen Nähe sowie der Frauensolidarität würden ihre Stimmen mehrheitlich zu Ursula Wyss abwandern.

Wie auch immer. Von Graffenrieds Chancen sind auf jeden Fall intakt. Der

54-jährige Vater von vier Kindern hat zwar noch keine Exekutiverfahrung, als Regierungsstatthalter und Nationalrat konnte er sich jedoch einen Namen machen. Zudem trumpft der studierte Jurist mit seinen Erfahrungen aus der Privatwirtschaft auf. Sollte er das Stechen tatsächlich gewinnen, müsste er nur mit einem Makel leben: Er hätte die historische Wahl der ersten Berner Stadtpräsidentin verhindert.

Reto Wissmann


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