Kopf des Tages

«Ich will Punkte machen»

USA ⋅ Sean Spicer (45) ist das neue Gesicht des Weissen Hauses. Bei seinen ersten Auftritten als Sprecher von Donald Trump hat er bewiesen, dass er sein Handwerk beherrscht.
25. Januar 2017, 00:00

Im zweiten Anlauf sass wenigstens der Anzug besser. Als Sean Spicer am Montag seine erste richtige Pressekonferenz im Weissen Haus in Angriff nahm, trug der 45-Jährige einen seriös wirkenden Nadelstreifenanzug, was optisch besser zu seiner neuen Rolle passte. Auch versuchte sich Spicer mit einigen faulen Sprüchen, nachdem er am Samstag – während seiner ersten Stellungnahme im Weissen Haus – mit verbissener Miene die Berichterstattung über die Amtseinführung von Donald Trump kritisiert hatte. Seinem Boss jedenfalls schien der lockere Auftritt besser gefallen zu haben, und die bereits geäusserte Kritik an Spicer verstummte. Aus dem Umfeld des Präsidenten hiess es, dass Trump mit der Vorstellung seines Sprechers zufrieden sei, wiewohl er immer noch leise Zweifel hege, ob Spicer die ideale Besetzung sei.

An dieses Auf und Ab wird sich der neue Pressesprecher gewöhnen müssen. Denn im Unterschied zu seinem Vorgänger Josh Earnest, einem Weggefährten von Barack Obama, gehört Spicer nicht zum engen Beraterkreis des Präsidenten. Er stiess im vergangenen Sommer zum Team des Republikaners. Spicer wurde angeheuert, um das überlastete Kommunikationsteam zu unterstützen – nachdem die Parteispitze sich damit abgefunden hatte, dass Trump die Nomination zum Präsidentschaftskandidaten nicht mehr zu nehmen war. Sein Gesellenstück legte Spicer am Parteitag der Republikaner in Cleveland ab, als er die heutige First Lady Melania Trump gegen Plagiatsvorwürfe verteidigen musste. Als er damals nach seinem Arbeitsmotto gefragt wurde, sagte er: «Ich will Punkte machen», das sei wichtiger als alles andere.

Spicer kommt dabei zugute, dass er sein Handwerk beherrscht. Er ist ein Vollprofi, der seit den Neunzigerjahren in Washington als Pressesprecher und Kommunikationsstratege arbeitet – zuerst für einzelne republikanische Volksvertreter, dann für Parteigruppierungen und von 2006 bis 2009 für den Handelsvertreter der Regierung von George W. Bush. Von 2011 an wirkte Spicer als Kommunikationschef des Republican National Committee (RNC), des Dachverbandes der Republikanischen Partei. Er galt als Vertrauter von Parteichef Reince Priebus, der nun als Stabschef des neuen Präsidenten amtiert.

Das eigentliche Erfolgsgeheimnis von Spicer ist es, dass er weiss, wann eine Kurskorrektur ansteht. So sagte er am Montag im vollgepackten James S. Brady Press Briefing Room des Weissen Hauses, er habe seine Pressekritik am Samstag in der Tat mit einigen falschen Fakten untermauert. Und er legte ein Bekenntnis für die Wahrheit ab: «Wir müssen ehrlich sein», verkündete Spicer. Dieser Grundsatz gelte aber auch für die Medien, die über Trump berichteten und seiner Meinung nach ständig versuchten, den Präsidenten mit Falschmeldungen zu unterminieren. An diese Mischung aus Angriff und Verteidigung wird sich das Pressekorps erst einmal gewöhnen müssen.

Renzo Ruf/Washington


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