Kopf des Tages

Konservativer Linker und progressiver Visionär

FRANKREICH ⋅ Am Sonntag entscheidet sich, ob Ex-Minister Benoît Hamon Ex-Premier Manuel Valls als Präsidentschaftskandidat der Sozialisten verdrängt.
27. Januar 2017, 00:00

Persönlich eher ein Fliegen­gewicht, ist sein Vorbild ein Schwergewichtsboxer. Benoît Hamon plant seine Kampagne nach dem Motto Muhammad Alis: «Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene». Denn wie Ali will er die Herzen seines Publikums höherschlagen lassen. So verkündet es eines seiner Wahlkampfplakate: «Faire battre le coeur de la France». Hamon will Präsidentschaftskandidat der französischen Sozialisten werden. Er ist ein Mann des linken Flügels und als Aussenseiter gestartet. Unerwartet hat er im ersten Durchgang der partei­internen Ausmarchung den Favoriten, Ex-Premier Manuel Valls, auf Platz zwei verwiesen. Ob dies für den wirtschafts­liberalen und sicherheitspolitischen Hardliner mehr als ein Bienenstich war, wird sich am Sonntag weisen.

Wahrscheinlich weiss Benoît Hamon, dass er kaum Präsident würde, auch wenn er in der Stichwahl um die Kandidatur Valls erneut schlagen sollte. Zu tief hat die Ära von Präsident François Hollande die Partei in der Wählergunst abstürzen lassen. Mit Hamon drängt aber eine neue Generation an die Führung. Er verspricht Wählerschichten anzusprechen, die andere im Parti Socialiste längst verloren gegeben haben: von den Sozialisten und ihrer wirtschaftsfreundlichen Reformpolitik enttäuschte Arbeiter und junge Grüne. Hamon hat nicht nur ein über Jahre klares Umweltengagement im Gepäck, sondern auch einen Vorschlag, für den es zumindest zu früh ist, der aber auch in anderen Ländern bereits debattiert wird: Er will ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Franzosen. Hamon ist aber kein basisfremder Theoretiker. Der neue Hoffnungsträger der französischen Linken kommt aus der Kleinstadt Saint-Renan bei Brest, wo es sein Vater vom Arbeiter zum Ingenieur in der staatlichen Rüstungswerft gebracht hatte. Noch als Student der Geschichte trat Hamon dem Parti Socialiste bei und wurde 1993 Chef ihrer Jugendorganisation. Im selben Jahr gründete er innerhalb der Partei die Linkstendenz «Nouvelle Gauche». Mit linken Positionen engagierte er sich dann 2004 gegen den geplanten Verfassungsvertrag der Europäischen Union. Trotz solch klarer Differenzen stieg er als Spezialist für Jugendfragen in die Parteispitzen auf. Er war von 2004 bis 2009 EU-Abgeordneter seiner Partei und von 2008 bis 2012 einer ihrer Sprecher. Nach der Wahl Hollandes zum Präsidenten berief ihn dieser zum Minister für Konsum und solidarische Wirtschaft und 2014 für einige Monate zum Erziehungsminister. Doch die Regierungspolitik war ihm spätestens seit der Ernennung von Manuel Valls zum Premierminister nicht mehr solidarisch genug. Er trat aus dem Kabinett aus.

Heute ist Benoît Hamon 49 Jahre alt. In der Partei wurde er bisher zumeist unterschätzt oder in seinem Ehrgeiz nicht ernst genommen. Seinen Anhängern gilt er als Sozialist, der den Idealen der Partei konsequent die Treue hält, der Hollandes restriktive Haushaltspolitik und die Liberalisierung des Arbeitsmarktes auch als Minister kritisiert und seinen Posten aufgegeben hatte. Im bürgerlichen Lager gilt Hamon als erz­konservativer Linker, während parteiinterne Rivalen ihn für einen hoffnungslosen Utopisten halten.

Walter Brehm


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