Ansichten

L’Italien n’existe pas

17. November 2016, 00:00

Erinnern wir uns: «La Suisse n’existe pas» – unter diesem Motto des Künstlers Ben Vautier präsentierte sich der Schweizer Pavillon an der Weltausstellung von 1992 in Sevilla. Der einsetzende Proteststurm kam für Vautier völlig unerwartet. Der Künstler erklärte später, er habe mit dem Slogan nur ausdrücken wollen, dass die Schweiz über keine gemeinsame Sprache und damit über keine gemeinsame Kultur verfüge, über die sie sich wie andere Länder definieren könne. Stimmt. Die Schweiz definiert sich über ihre Mehrsprachigkeit. Und weil dem so ist, muss sie ihre Landessprachen auch pflegen, wie Bundesrat Alain Berset ausgerechnet am diesjährigen Filmfestival in Locarno meinte. Nur müsste diese Aussage nicht nur für Deutsch und Französisch, sondern auch für das Italienische gelten. Und da steht es nicht zum Besten.

Die italienische Sprache ist in ihren Stammlanden, das heisst in meinem Heimatkanton Tessin, dem einzigen italienischsprachigen Kanton, und in den vier bündnerischen Südtälern fest verankert. Doch ausserhalb dieser Regionen scheint die Sprache nicht zu existieren. Das machen einige Zahlen deutlich: 1970 verwendeten noch 11,9 Prozent aller Personen in der Deutschschweiz das Italienische als Alltagssprache, zehn Jahre später setzte der Rückgang ein, sodass es im Jahr 2000 nur noch 6,5 Prozent waren. Oder anders gesagt: Seit dem Jahr 1980 hat die Zahl der italienisch sprechenden Deutschschweizer um 48 Prozent abgenommen.

Von den Schülern in der Deutschschweiz sind es heute gerade mal 6 Prozent, die Italienisch, eine unserer vier Landessprachen wohlverstanden, lernen wollen. Und dies, obwohl sie mehrheitlich als eine typische Feriensprache und als eine schöne Sprache empfunden wird. In der aktuellen sprachpolitischen Debatte dominiert vor allem eine Frage: Verdrängt das Englische die französische Landessprache? Übersehen wird dabei, dass nicht die französische, sondern die italienische Landessprache zunehmend verschwindet.

Die Situation ist geradezu paradox: Deutschschweizer lieben das Tessin – die Küche, den Wein, das Wetter. Zahlreiche Italianismen haben Einzug gehalten in die deutsche Sprache: Wir sagen Polenta statt Mais, Peperoni statt Paprika; wir essen Zucchini oder Broccoli und trinken Latte Macchiato. Italienische Kindernamen gehören zudem zu den häufigsten in der Schweiz. Nur mit einem tun die Deutschschweizer sich schwer: mit der italienischen Sprache. Woran liegt das?

Einer der Hauptgründe für den Rückgang des Italienischen in der Deutschschweiz liegt wohl darin, dass viele ehemalige Gastarbeiter nach Italien zurückgekehrt sind. Die Generation der Secondos spricht deutsch, beherrscht die Sprache ihrer Vorfahren kaum noch. Freilich haftet dem Italienischen, der Sprache Dantes und Boccaccios notabene, insgeheim immer noch das Stigma der Gastarbeitersprache an. Zudem findet nur eine Minderheit der Jugendlichen die Sprache «trendig». Dazu kommt bei vielen die Vorstellung, Italienisch nütze ihnen, ganz im Gegensatz zu den beiden Weltsprachen Englisch und Spanisch, im Beruf wenig. Eigentlich erstaunlich, ist Italien doch, nach Deutschland und den USA, der drittgrösste Handelspartner der Schweiz.

Um das Fach Italienisch ist es auch in unseren Schweizer Schulen schlecht bestellt. Gemäss Maturitätsanerkennungsreglement müssten in den Gymnasien zwei Landessprachen als Schwerpunktfächer angeboten werden. Deutschschweizer Schüler sollten sich zwischen Französisch und Italienisch entscheiden können. Doch die Realität sieht anders aus. Eine Umfrage der Maturitätskommission hat ergeben, dass nur in 17 Kantonen Italienisch als Schwerpunktfach angeboten wird. Und wo ein Angebot besteht, da wird es oft nicht genutzt, weil die Schüler kein Interesse haben. Italienisch wird im Vergleich zu Englisch und Französisch offenbar als zweitrangig erachtet. Dabei geht es um nichts weniger als um eine Landessprache und um die Tatsache, dass das Italienische einen wichtigen Teil unserer nationalen Kultur bildet.

Mario Andreotti

Dozent für Neuere deutsche Literatur an der Universität St. Gallen


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: