Ansichten

Max Frisch, der Staatsschutz und ich

18. Oktober 2016, 00:00

Mit Max Frisch habe ich etwas gemeinsam: Über uns beide hat der Staatsschutz eine Fiche angelegt. Der jeweiligen Bedeutung entsprechend umfasst die meinige zwei mickrige Blätter, derweil die seine 13 Karteikarten mit 84 Einträgen aus 42 Jahren umfasst, wie in seinem postum erschienenen Buch «Ignoranz als Staatsschutz?» (Suhrkamp, 2015) zu lesen ist. Darin hat der bereits todkranke Frisch seine Fiche zu einer akribisch – und wütend – kommentierten Collage umgestaltet. Die Herausgeber waren, wie der Dichter selbst, davon überzeugt, Frisch sei für die schweizerischen Bundesbehörden der «Staatsfeind Nummer eins» und ein «Landesverräter» gewesen. Das war allerdings falsch, wie es sich nun herausstellt.

Max Frisch hatte sich geradezu obsessiv mit seiner Fiche auseinandergesetzt, hatte jeden Schreibfehler, jede Dummheit, auch jede Unterlassung als Beweis für die grenzenlose Ignoranz des eidgenössischen Staatsschutzes genommen, und als Begründung, dass er «dieser Regierung kein Vertrauen mehr» schenke. «Was muss ausserhalb des Bundeshauses geschehen, damit die Schweiz (...) im neuen Europa nicht dasteht als Dorftrottel.» Fast scheint es, Max Frisch hätte sich, wenn schon, lieber einen perfekten Staatsschutzapparat a la DDR-Stasi gewünscht als den manchmal eher trottelig daherkommenden helvetischen Staatsschutz.

Wie dilettantisch der Staatsschutz arbeitete, kann ich an meiner eigenen Fiche ablesen. Die ersten Einträge aus dem Jahr 1971 gehen auf die Anfrage eines übereifrigen militärischen Kommandanten zurück, dem anscheinend zu Ohren gekommen war, «dass H. in links extremistischen Kreisen verkehrt». Als ehemaliger Prä­sident einer studentischen Fachschaft und bereits Korrespondent verschiedener schweizerischer Tageszeitungen hatte ich Kontakte von links (der «Fortschrittlichen Studentenschaft», einem eher linken Journalisten-Stammtisch im «Weissen Wind») über die Mitte (zwei Studienkollegen, die auf der NZZ-Redaktion arbeiteten, traf ich ebenfalls fast wöchentlich) bis hin zu James Schwarzenbach, den ich interviewte und porträtierte. Nachforschungen hätten aber ergeben, «dass keine Erkenntnisse über H. vorliegen». Was ich dann doch etwas enttäuschend finde. Die zweite Kategorie der Ficheneinträge hatte mit meiner ursprünglich aus der Ukraine (damals UdSSR) stammenden Ehefrau, deren Eltern und Besuchern aus Kiew und Moskau zu tun: Eine rudimentäre Aufzählung einzelner Reisen und Besuche, die in einer persönlichen «Befragung» durch einen Zürcher Polizisten in Zivil gipfelte, in dem dieser zur Kenntnis nahm, dass ich inzwischen auf der NZZ-Redaktion gelandet war. Sollte ich aber jemals durch meine «Ostkontakte» in Schwierigkeiten geraten, so möge ich mich doch an die Bundesbehörden wenden. Worauf ich nach diesem Gespräch gerne verzichtete.

Dass die Aktivitäten der Staatsschützer auch in meinem Fall nicht gerade professionell waren, hat mein Vertrauen in den Staatsschutz nicht gestärkt. Aber ich hatte auch keinen Grund, daraus eine persönliche Bedrohung zu konstruieren. Zwar hat es ungerechtfertigte Opfer der Fichierer gegeben, nicht zuletzt im Schuldienst. Karrieren, nicht zuletzt militärische, endeten vorzeitig. Aber alle 150000 bis 200 000 fichierten Schweizerinnen und Schweizer waren nicht individuelle, sondern meist nur kollektive Opfer einer staatlichen Datensammel- und Bespitzelungswut, die zudem oft unrechtmässig war.

Auch Max Frisch war kein mit den Stasi-Zielobjekten vergleichbares Opfer. Das hat nachträglich nun auch der «Tages-Anzeiger» bestätigt, der den angeblich – wie traurig – «letzten Wunsch» Frischs erfüllte und die zu den Fichen gehörenden Staatsschutzakten verlangt und durchgearbeitet hat. Daraus geht hervor: Viel öffentlich Bekanntes (aus der NZZ), viel Banales, viel dilettantisch Protokolliertes («F. referierte») und drei abgehörte Telefongespräche. Eine Ausbeute, die nicht auf den Staatsfeind Nr. 1 schliessen lässt, als den sich der Dichter selber zeitweise gesehen haben mag. Nein, weder Max Frisch noch ich selber haben als Staatsschutz-Opfer erhebliche persönliche Nachteile erlitten.


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