Darum geht es

Nordkorea muss zurück an den Verhandlungstisch

Pierre Simonitsch über das Atomwaffen- programm Nordkoreas

08. Januar 2016, 00:00

Das nordkoreanische Atomwaffenprogramm ist die Lebensversicherung der Dynastie Kim. Es ist auch das einzige Mittel, mit dem die Herrscher des völlig isolierten und verarmten Landes internationale Aufmerksamkeit erregen können. Das haben sie jetzt wieder getan, indem sie die erfolgreiche Erprobung einer Wasserstoffbombe verkündeten. Die Wissenschaftler in aller Welt sind sich ziemlich einig, dass die nordkoreanische Führung blufft. Das von den Messstationen aufgezeichnete Erdbeben lässt auf eine unterirdische Explosion in der Stärke von sechs Kilotonnen (6000 Tonnen) des herkömmlichen Sprengstoffs TNT schliessen. Das ist wenig. Schon die Hiroshima-Bombe hatte eine Sprengkraft von zehn bis 15 Kilotonnen TNT.

Thermonukleare Atomwaffen – zu denen die Wasserstoffbomben gehören – sind nicht leicht herzustellen. Ihre in Megatonnen (Millionen Tonnen) TNT gemessene Energie entsteht durch die Verschmelzung von Wasserstoffisotopen. Da zur Einleitung einer solchen Fusion hohe Temperaturen von einigen Millionen Grad erforderlich sind, wird ein nuklearer Sprengkörper aus Uran 235 oder Plutonium 239 als Zünder benützt. Die Nordkoreaner haben in den letzten Jahren immer wieder den grossen Durchbruch bei der Entwicklung einer Wasserstoffbombe gemeldet. Ernst genommen wurden sie nie. Sie wollten jetzt den Beweis antreten. Der wahrscheinliche Grund für das Misslingen des Tests liegt wohl darin, dass der nukleare Zünder nicht die Reaktion der leichten Wasserstoffkerne einleitete.

Der Weltsicherheitsrat hat das Vorgehen Nordkoreas scharf verurteilt und stellt «schwerwiegende Massnahmen» in Aussicht. Die Machthaber in Pjöngjang werden diese Gesten kaum beeindrucken. Sie sind es gewohnt, auf der internationalen Bühne als Parias behandelt zu werden. Mehr Gewicht hat hingegen die Haltung Chinas. Nordkorea hängt wirtschaftlich stark von seinem wichtigsten Verbündeten ab. Die vom Dynastiegründer Kim Il Sung verkündete Doktrin der völligen Autarkie des Landes hat sich als Illusion herausgestellt. China ist über das Atomwaffenprogramm Nordkoreas höchst erbost. Das Testgelände liegt bloss 50 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Schwerer wiegt aber, dass ein mit modernen Atomwaffen gerüstetes Nordkorea eine strategische Pattsituation mit China erreichen würde.

Die Regierung in Peking steht aber vor einem Dilemma. Ein Sturz des nordkoreanischen Regimes hätte unabsehbare Folgen. Sicher wären Flüchtlingsströme nach China. Wahrscheinlich wäre eine Wiedervereinigung der beiden koreanischen Landesteile. Die USA als derzeitige Schutzmacht Südkoreas würden dann ihre militärischen Vorposten bis an die chinesische Grenze projizieren. Dass sich die Lage so zugespitzt hat, ist nicht zuletzt dem früheren US-Präsidenten George W. Bush anzulasten. Bushs Amtsvorgänger Bill Clinton erzielte 1994 nach schwierigen Verhandlungen in Genf ein Abkommen mit Nordkorea. Die Regierung in Pjöngjang verpflichtete sich darin, ihr gesamtes militärisches und ziviles Atompotenzial zu verschrotten und dem Atomwaffensperrvertrag beizutreten. Als Gegenleistung versprachen die USA den Bau von zwei modernen Atomkraftwerken und die Lieferung von Erdöl als Überbrückungshilfe. Tatsächlich wurde der Schwerwasserreaktor Yongbyon, in dem das für Atombomben benötigte Plutonium entstand, unter Kontrolle der Internationalen Atomenergie-Organisation zerstört.

Unter George W. Bush drehte sich der Wind. Der US-Präsident erlag den Einflüsterern, die auf einen aktiven «Regimewechsel» in Pjöngjang, Bagdad und Teheran drängten. 2002 nannte Bush Nordkorea, Irak und Iran die «Achse des Bösen» und stellte die Erdöllieferungen ein. Daraufhin nahm Nordkorea sein Nuklearprogramm wieder auf und kündigte den Atomwaffensperrvertrag. Alle weiteren Gespräche, bei denen China als Vermittler auftrat, verliefen im Sande. Kim Jong Un ist zweifellos ein unberechenbarer Störenfried. Mit Drohungen allein wird ihm aber nicht beizukommen sein. Eine einige Staatengemeinschaft muss ihn an den Verhandlungstisch bringen.


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