Kopf des Tages

Revolution ist gescheitert

FUSSBALL ⋅ Jürgen Klinsmann (52) ist nicht mehr Trainer der US-Nationalmannschaft. Seine Pläne für die Amerikaner waren zu ambitioniert.

23. November 2016, 00:00

Jürgen Klinsmann wollte als grosser Revoluzzer in die Geschichte des US-Fussballs eingehen. Der 52-Jährige wollte die USA unter den besten acht Fussballnationen der Welt etablieren, eine spektakuläre Spielweise entwickeln und den Verband professionalisieren. Mit diesen Visionen ist er gescheitert. Nach den beiden Niederlagen zum Auftakt der WM-Qualifikation (1:2 gegen Mexiko, 0:4 gegen Costa Rica) hatte auch Verbandspräsident Sunil Gulati, sein grösster Fürsprecher, keine Argumente mehr: «Entwicklung und aktuelle Form haben uns davon überzeugt, dass wir einen anderen Weg einschlagen müssen.» Sein Nachfolger wird nun Bruce Arena.

Gulati holte Klinsmann vor fünf Jahren, um den US-Fussball wachzuküssen. Dazu stattete er seinen Nationalcoach, den er zusätzlich zum technischen Direktor machte, mit einer Menge Ressourcen aus. Der Wert seiner strukturellen Veränderungen wurde von allen Seiten anerkannt. Klinsmann habe, so Gulati, «jeden in der US-Soccer-Community herausgefordert, über neue Wege nachzudenken. Und dank seiner Bemühungen sind wir als Verband gewachsen und erwarten, dass wir in der Zukunft davon profitieren.»

Und doch herrschte von Anfang an eine skeptische Grundstimmung gegenüber dem ehemaligen Weltklassestürmer aus Deutschland. Und das, obwohl er mit seinem Team durchaus respektable Resultate einspielte. 2013 gewann er den Gold-Cup, und bei der WM 2014 scheiterte er erst im Achtelfinal unglücklich mit 1:2 nach Verlängerung an den Belgiern und brachte damit die «Randsportart» erstmals wieder ins Rampenlicht. Doch vom auf Eigen­initiative basierenden Offensivfussball, den Klinsmann bei Amtsantritt ebenfalls versprach, war meist wenig zu sehen. Zum Verhängnis wurden ihm jedoch vor allem die zahlreichen Nebenkriegsschauplätze, die er selbst aufmachte. Hauptkritikpunkte waren seine ständigen Rotationen und der Einsatz von Spielern auf ungewohnten Positionen. Auch dass er oft lautstark seine Meinung sagte, hat nicht jedem gefallen. Seine ständige Nörgelei an der sportlichen Klasse der Major League Soccer, wenngleich berechtigt, brachte ihm ebenfalls viel Kritik ein. Auch dass er die Schuld an Nieder­lagen meist bei anderen suchte, kam nicht sonderlich gut an.

Wenn die Medien Fehler sahen, sprach er dünnhäutig davon, dass die Amerikaner «sehr resultatbesessen» seien und nach einer Niederlage «all die guten Dinge» vergessen würden, die die Mannschaft erreicht habe. Das Fass zum Überlaufen brachte er wahrscheinlich am Montag mit einem Interview in der «New York Times», in dem er seinen Kritikern das nötige Fachwissen absprach. Die amerikanische Revolution ist damit vorzeitig beendet. Es bleibt die Erkenntnis, dass Klinsmann einer ist, der ein Projekt zwar in Gang bringen kann, dass er aber noch nicht der Richtige ist, um dieses auch in den Alltag zu überführen. Beim FC Bayern blieb er nicht mal eine Saison im Amt, und bei der deutschen Nationalmannschaft verabschiedete er sich instinktsicher auf dem Höhepunkt. In Deutschland wird Klinsmann deshalb Hochachtung entgegengebracht. In den USA bleibt ihm die Hoffnung, dass Dinge, die er angestossen hat, ihre Wirkung weiter entfalten. Dann geht er zwar immer noch nicht als der grosse Revoluzzer in die Geschichte des US-Verbandes ein, aber zumindest als guter Weichensteller und Impulsgeber.

Denis Reiser


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