Kopf des Tages

Sein Film bekam ihn dann doch noch

OSCARS ⋅ Er wäre wohl schon mehr als zufrieden gewesen, Barry Jenkins. Der Preis für den «Besten Film» fiel dem Jungregisseur aus Florida quasi nachträglich in den Schoss.

28. Februar 2017, 00:00

Was war da passiert? Die ganze «La La Land»-Produzentenschar steht auf der Bühne, ja hat die Dankesreden bereits hinter sich, da macht sich im hinteren Teil ein Murmeln breit, und Jimmy Kimmel verkündet beschämt: «Es ist uns ein Fehler unterlaufen.» Nicht «La La Land», sondern «Moonlight» gewinne in der Königskategorie «Best Picture».

Da ist er also, Barry Jenkins (37). Der Regisseur von «Moonlight» hält seinen Drehbuch-Oscar in Händen, den er zusammen mit Tarell Alvin McCraney entgegennahm. Es war ein emotionaler Höhepunkt in einer Academy-Award-Nacht mit eher lauen Dankesreden. Die beiden nutzten die Chance für politische Anspielungen, die sonst seitens der Gewinner fast gar nicht stattfanden.

«Wir werden euch nicht allein lassen die nächsten vier Jahre», machte Jenkins allen jungen Afroamerikanern Mut. Gemeint sind natürlich die vier Jahre unter Präsident Trump, die für Minderheiten und Kulturschaffende nichts Gutes bedeuten. «Two boys from Liberty City» hätten es geschafft, doppelte McCraney nach.

Aus Liberty City, da stammen sie beide her. Und der von Drogen und Armut gezeichnete Wohnbezirk in Miami ist Schauplatz von Barry Jenkins’ Adoleszenzdrama «Moonlight». «Für mich war das eine Chance, durch Tarells wunderbare Arbeit einige meiner eigenen Kindheitserinnerungen auf die Leinwand zu bannen», so Jenkins.

Der Protagonist heisst Chiron. Als Zehnjähriger versteckt er sich vor seinen Mitschülern. Sie akzeptieren ihn nicht. Dass er anders ist, scheinen alle vor ihm zu wissen. Chiron selbst kann seine aufkeimende Homosexualität noch nicht in Worte fassen. Für die Rolle der drogensüchtigen Mutter war Naomie Harris für einen Oscar nominiert.

Mahershala Ali hat das Goldmännchen schliesslich bekommen. Mit viel Feingefühl spielt er den Dealer, der zur Vaterfigur des Jungen avanciert, während er die Mutter weiter mit Drogen versorgt. Doch von Juan lernt Chiron, dass er anders sein darf. «Pride and love» ist das Einzige, was es gibt in diesem Haus.

«Be black and be proud.» Seit dem New Black Cinema Ende der 1980er-, Anfang 1990er-Jahre mit Spike Lee als bekanntestem Aushängeschild erhält die Parole in Hollywood mit Barry Jenkins wieder Relevanz. Nach seinem Regiedébut «Medicine For Melancholy» ist «Moonlight» erst sein zweiter Spielfilm. Die «New York Times» listet ihn bereits unter 20 aufstrebenden Nachwuchsregisseuren auf.

Es zeugt von Grösse, wie die «La La Land»-Crew den Preis einfach weitergab. Doch es war viel von Gefühlen die Rede an diesen 89. Academy Awards. Davon, wie das Kino Grenzen überwinde und Menschen unterschiedlichster Couleur über gemeinsame Empfindungen, Lachen und Tränen zusammenführe. Anstatt gegen Trump zu schiessen, verlieh man dieser einfachen Botschaft Nachdruck, indem man «Moonlight» prämierte.

Regina Grüter


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