Köpfe des Tages

Sie waren ihrer Zeit voraus

NOBELPREIS ⋅ Der Finne Bengt Holmström und der Brite Oliver Hart werden für ihre Beiträge zur Vertragstheorie ausgezeichnet.

11. Oktober 2016, 00:00

Ökonomen, die sich Nobelpreisträger nennen dürfen, gelten als besonders einflussreich. So gesehen wäre es für die Welt vielleicht besser gewesen, dem Finnen Bengt Holmström und dem Briten Oliver Hart wäre die Ehre schon zehn oder zwanzig Jahre früher zugefallen. Die beiden Wissenschaftler gehen seit 40 Jahren der Frage nach, wie Verträge unter Wirtschaftssubjekten ausgestaltet werden müssen, damit für beide Seiten die besten Ergebnisse möglich werden.

Ein Blick zurück auf die vergangenen zehn Jahre zeigt, dass die Erkenntnisse von Holmström und Hart in vielen Bereichen der realen Wirtschaftswelt erst jetzt langsam anzukommen scheinen. Holmström zum Beispiel wies 1979 in einem Aufsatz nach, dass ein vertraglich optimal aufgesetzter Managerlohn direkt von den Ergebnissen abhängen sollte, welche die Entscheide eines Managers bringen. Das mag trivial tönen, während die Beweisführung einer solchen Theorie reichlich kompliziert ist. In der damaligen Unternehmenswelt war sie aber noch fast revolutionär. Managerboni und andere finanzielle Anreizsysteme für die Teppichetage waren damals selbst in den USA noch ein Novum und breiteten sich mit zehnjähriger Verspätung in Europa aus. Das Wissen, dass ein Bankchef mit einem Aktienbeteiligungsprogramm mehr für die Geschäftsentwicklung der Branche als für seine eigene Leistung honoriert wird, mag heute wie eine Selbstverständlichkeit klingen, damals war sie es nicht.

Holmströms Theorien erklärten schon vor weit über 30 Jahren, weshalb sich solche Aktienbeteiligungsprogramme allenfalls für Unternehmen in relativ stabil verlaufenden Wirtschaftszweigen anbieten, im volatilen Finanzgeschäft aber nicht. Der Skandinavier zeigte später auch auf, dass Arbeitsverträge auch nicht-finanzielle Komponenten wie die Karriereplanung berücksichtigen sollten. Wer nebst dem aktuellen Lohn auch die künftige Karriere im Auge hat, ist bereit, härter zu arbeiten. Wenn eine Organisation motivierte Leute nicht schnell wieder verlieren will, muss sie ihnen Perspektiven bieten. Es gibt aber auch Arbeiten, bei denen die finanzielle Entlöhnung besonders schwierig und potenziell auch schädlich ist. Das ist vor allem dort der Fall, wo verschiedene gleichwertige Ziele mit teilweise gegensätzlichen Methoden erreicht werden müssen. Ein Lehrer muss seinen Schülern Sozialkompetenz beibringen und sie gleichzeitig zu fleissiger Einzelarbeit motivieren. Die Noten der Schüler sind naheliegenderweise kein ausreichendes Mass, um die Leistung der Lehrer bewerten zu können.

Die meisten Verträge nehmen eine Zukunft vorweg, die niemand kennt. Hart nennt dies imperfekte Verträge. Diese bilden ein Kernthema seiner Forschung. Wie schreibt man solche Verträge, mit denen man Konflikte vermeidet, ohne wichtige Entwicklungen zu verhindern? Der Knackpunkt lautet: Wer entscheidet wann? Und wie verfährt man bei Uneinigkeit? Beispielhaft stipuliert die Theorie, dass ein Unternehmenschef so lange die Entscheidungsgewalt besitzen soll, wie er Erfolg hat. Bleibt er aus, geht die Entscheidungsgewalt auf die Investoren über. Harts Theorien hätten viele fehlgeleitete Übernahmen und Fusionen verhindern können, wenn sie im Markt wirklich angekommen wären. Doch die Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis ist im Nachhinein immer einfacher zu erkennen. Aktuell zum Beispiel denkt die ABB-Führung im Gegensatz zum Grossaktionär Cevian, dass sie die ertragsmässig zurückgebliebene Elektrotechniksparte selber wieder zum Erfolg bringen kann, statt diese zu veräussern. Welcher Entscheid der bessere ist, könnte heute wohl auch Hart nicht sagen.

Daniel Zulauf


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