Kopf des Tages

Überflieger ist neuer Präsident Bulgariens

SOFIA ⋅ Rumen Radev (53) war Kommandeur der bulgarischen Luftwaffe. Nun ist der Pilot Präsident und glänzt bereits mit rhetorischen Kunststücken.

15. November 2016, 00:00

In seinem 53-jährigen Leben hat der Kampfflieger Rumen Radev viele Loopings vollzogen, sein letzter hat ihn auf die grosse Bühne der bulgarischen Politik katapultiert. Bis zum Juli 2016 war der bisherige Kommandeur der bulgarischen Luftstreitkräfte den Bulgaren völlig unbekannt, am Sonntag haben sie ihn zu ihrem Präsidenten gewählt.

Im zweiten Wahlgang setzte sich der von den oppositionellen Sozialisten nominierte Generalmajor Radev mit 59 Prozent der Stimmen überzeugend gegen die Präsidentin der Bulgarischen Volksversammlung, Tsetska Tsatscheva, durch. «Dies ist ein Sieg gegen die Apathie und die Furcht», konterte Radev am Wahlabend das von Ministerpräsident Boiko Borissov oft skizzierte Drohszenario, verliere seine Kandidatin Tsatscheva, werde seine Regierung zurücktreten und das Land im politischen Chaos versinken.

Rumen Radev kam am 18. Juni 1963 in der sozialistischen Modellstadt Dimitrovgrad zur Welt. Nach seinem Studium an der Fliegerhochschule Georgi Benkovski in Dolna Mitropolia promovierte er zum Thema «Taktische Vorbereitung für die Fliegerstaffel und Luftkampfsimulation». Ein weiterführendes Studium am Luftwaffencollege der U.S. Air Base Maxwell schloss er 2003 mit Auszeichnung ab. «Herr Radev, Sie haben in den USA studiert und kandidieren für die Linken, was für einer sind Sie eigentlich?», fragte ihn eine Journalistin. «Für die einen bin ich ein roter Kommunist, für andere ein verkappter Euro-Atlantiker, Agent von Washington. Ich möchte alle beruhigen und bekennen, ich bin ein Agent, aber einer des bulgarischen Volks», parierte Radev. Wirkten die ersten öffentlichen Auftritte des Piloten Radev in der Rolle des Politikers noch bemüht, seine politische Rede stockend, so hat er sich schnell in die neue Kampfsituation eingelebt. In kurzen, stakkatoartig vorgetragenen Sätzen bringt er seine Vision vom Präsidentenamt und seine Positionen zu Staatssouveränität und nationaler Sicherheit auf den Punkt. «Ich werde nicht zulassen, dass Bulgarien zum Emigrantenghetto wird», kündigte er an, sich für eine Revision des Dublin-Abkommens einzusetzen, das «für uns die Rolle einer Pufferzone vorsieht».

Erlebt man ihn in der politischen Debatte, könnte man Radev mit schütterem Haar auf hoher Stirn und minimalistischem Minenspiel für die Personifizierung des beamteten Langeweilers halten. Tatsächlich ist er aber ein verwegener Kunstflieger. Im Oktober 2014 begeisterte er Tausende Zuschauer auf dem Militärflughafen in Sofia mit der Vorführung des riskanten Kobramanövers, bei dem er seine russische MiG-29 senkrecht aufrichtete. Sein Beruf und seine «Selbsterziehung im Handwerk» hätten ihm grosse psychische Stabilität gebracht, hat Rumen Radev in einem seiner ersten Interviews als Politiker gesagt. Sich in kritischen Momenten beherrschen und vom Negativen abstrahieren zu können, hält er für «Schlüsselqualitäten eines Fliegers».

Frank Stier/Sofia


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