Kopf der Woche

Vermeintlicher Nachlassverwalter

FERNSEHEN ⋅ Jan Böhmermann (35) hat sich an eine Neuauflage von «Wetten dass...?» gewagt. Dabei wurde je nach Ansicht die heilige Kuh geschlachtet bis geschändet.

16. Oktober 2016, 00:00

Die Aufregung war gross, als das ZDF die ungewöhnliche Nachricht bekannt gegeben hat: Der umstrittene Moderator Jan Böhmermann (35) produziert eine Sonderausgabe der legendären Fernseh-Show «Wetten dass...?». Der erste Teil der zweiteiligen Sondersendung wurde am Donnerstagabend ausgestrahlt, und die Aufregung verwandelte sich in Unverständnis, Wut und Häme.

«Müde und mässig», «TV-Comeback ging in die Hose» und «Schamoffensive» sind nur einige der Titel der deutschsprachigen Medien-Erzeugnisse zur Sendung. Es entsteht der Eindruck, dass sich Böhmermann mit seiner Version die heilige Kuh der deutschen Abendunterhaltung geschlachtet, wenn nicht vorher sogar geschändet hat. Wahrscheinlich hat seine Ankündigung im Vorfeld falsche Hoffnungen geweckt. «Wir haben hier ein Erbe mit Respekt zu behandeln», meinte er. Nur präsentierte sich Böhmermann als pures Gegenteil eines sorgfältigen Nachlassverwalters. Sämtliche Wetten waren gestellt und an Absurdität kaum zu überbieten. Bei der Aussenwette brüstete sich ein Baggerfahrer, seine Frau mit seinem Arbeitsgefährt zum Höhepunkt bringen zu können, und die Kinderwette bestand aus einem Mädchen, welches mit den Füssen anhand der Gesichter von Politikern deren Parteizugehörigkeit erkannt hat.

Wer von Böhmermann eine ernsthafte Auseinandersetzung mit «Wetten dass...?» erwartet hat – vielleicht mit der Spekulation, dass dies seine Bewerbung für ein zukünftiges, reguläres Comeback der Sendung darstellen würde – wurde natürlich enttäuscht. Doch diese sind nicht mit dem humoristischen Stil des kontroversesten Fernsehmensch seit Harald Schmidt vertraut. Von der undurchsichtigen Skandal-Fabrikation um den griechischen Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis, das Vorführen der Casting- Methoden von Doku-Soaps des Senders RTL bis hin zu seinem Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Erdogan, lebt sein Humor von Grenzüberschreitung, Fremdschämen und dem Verschwimmen der Grenzen zwischen Satire und Ernsthaftigkeit. Die absurde Überspitzung der bekannten Showelemente erhielten mit Gästen aus Politik und Show-Business (unter anderem DJ Bobo), welche etwa über ihre ehrenamtlichen Engagements berichten durften, einen Schuss Seriosität. Und so tappten wohl einige Zuschauer in Böhmermanns spezielle Humor- und Realitätsfalle. Wer wissen will, wie Böhmermanns Auseinandersetzung mit «Wetten dass...?» zu Ende geht: Am nächsten Donnerstagabend folgt der zweite und letzte Teil der Sonderausgabe.

Sasa Rasic


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