Ansichten

Vermischtes und Vermisstes

31. Januar 2017, 00:00

«Fake News» ... Mögen die falschen «Nachrichten» und die glatten Lügen, welche die sogenannt sozialen Medien mitunter anschwemmen, mit dem Begriff des «Postfaktischen» noch prickelnd gemacht oder verharmlost werden: Wenn es wahr bleiben darf, dass die rechtsstaatliche Demokratie ohne das entschiedene Be­mühen um Wahrheit im öffentlichen Raum keinen Bestand ­haben kann, ist die digitale Be­scherung alarmierend.

Dürfen wir uns damit beruhigen, dass wir den anonymen «Sozialen» nicht hilflos ausgesetzt sind? Noch dürfen wirs. Da ist immerhin das vertrauenswürdigere Angebot der herkömmlichen Massenmedien, der alten und neueren: Presse, Radio, Fernsehen. Halten wir uns an sie, bewegen wir uns auf einem solideren Grund der Mei­nungsbildung. Allein, eine stetig wachsende Zahl verlässt diesen Boden, wandert ab in die digitale Welt – Permanenz der Neuig­keiten im Taschenformat. Und mit ihr wandert die Werbung, die das Informationsgewerbe nach dem Zweiten Weltkrieg hatte aufblühen lassen. Heute steht die Branche unter existenziellem Druck, und selbst die öffentlich-rechtlich bestellten Betriebe sind in Sorge. Die ominöse «No-Billag-Initiative» droht der SRG mit Liebes- und Gebührenentzug. Die suggestive Kampagne mit der «Schweiz im Herzen» klärt uns über die Nervosität ihrer Programmträger auf.

Die Nervosität in den Redaktionen der Tagespresse verstärkt teils ebenso eine Tendenz zur Anbiederung – freilich nicht in sloganförmiger Imagewerbung, sondern in vermeintlich publikumsgefälligen Stoffanteilen, die sich nicht mehr ohne weiteres der unentwegt reklamierten «Relevanz» zurechnen lassen. Nicht jede Personalisierung ist sach­dienlich oder unterhaltsam. Und eine Infantilisierung, von «Glanz & Gloria» und den bunten Blättern «inspiriert», ist wohl auch kein Erfolgsrezept. Ob das sich etablierende Missverhältnis zwischen der Auf­machung mancher Inhalte und deren Bedeutung zu vermehrter Lektüre verlockt, ist nicht weniger zweifelhaft. Dass die bisher (zumindest in den Forumszeitungen) hochgehaltene Unterscheidung der Textsorten und die Trennung von Tatsachenbehaup­tungen und Werturteilen allmählich aus den Blättern verschwinden, erscheint mir doch schon als beklagenswert. Wie alle Unterscheidungen schulten sie die Wahrnehmung, zunächst die des Senders, dann jene der Empfänger. Meinungstrunkene Journalisten empfanden das Trennungsgebot stets als Schikane – es macht den Anschein, dass sie sich durchsetzen. Kurzdiagnose: Es wird uns mehr be­deutet als entdeckt und aufgeschlossen – ermüdend viel Meinung, ob deklariert oder camou­fliert. Die Freistilform der Kolumne wie diese hier darf natürlich alles ...

Ohne Umschweife zur Sache zu kommen, scheint neuerdings auch verpönt. Verweilt der schreibende Journalist zunächst gern im Atmosphärischen als dem schlechthin «Authentischen», «reimt» der Sprechende, Ansagende, Aus­rufende (Tagesschau) die dis­paraten Nachrichten mit Proben seines sprühenden Esprits: ganz leicht affektiertes Anchorman-Gehabe statt der (überholten?) Sachlichkeit im Stile der grossen deutschen Schwester (ARD).

Auch die kleinere, die Schweiz im Herzen tragende Anstalt hat ihre zahlreichen Chefs, doch ist anscheinend keiner da, der den herzhaften Narzissmus zu bändigen versucht und die Herrschaften anhält, sich der jour­nalistischen Pflichtenlehre anzubequemen und zuerst und zu­letzt immer nur das eine zu wollen: dem Anspruch auf Glaubwürdigkeit zu genügen. Was sonst sollen die Informationsmedien den Fake News entgegensetzen?

Jürg Tobler

Ehemaliger Chefredaktor

«Luzerner Neuste Nachrichten»

und «St. Galler Tagblatt»


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