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Wagen wir die digitale Aufklärung

14. Oktober 2016, 00:00

Was wäre eigentlich mit der Aufklärung geschehen, wenn die meisten Menschen damals nur Bahnhof verstanden hätten? Wenn all die wichtigen Schriften von Denis Diderot, David Hume, Immanuel Kant oder Jean-Jacques Rousseau nur in einer anspruchsvollen Version von Esperanto vorgelegen hätten? Nichts wäre dann geschehen oder zumindest nicht das, was wir als Befreiung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit kennen. Ein paar Eifrige hätten die Sprache gelernt, sich die Inhalte angeeignet und sie – nicht auf den Kopf gefallen – schnurstracks zu Herrschaftswissen und einem einträglichen Geschäftsmodell gemacht: Klug wie Kant? Das können auch Sie sein! Akzeptieren Sie mit einem Haken unsere 100-seitigen Geschäftsbedingungen.

Das ist ungefähr die Situation, die wir heute haben. Der weitaus grösste Teil der Weltbevölkerung spricht nicht die Sprache, mit der über die Zukunft unserer Wirtschaft und Gesellschaft verhandelt wird. Sie liegt nicht in schön gebundenen Werken vor, die man gerne zumindest als Deko auf den Couchtisch legt. Sie lenkt als Zahlenreihe aus Nullen und Einsen unsichtbar die digitale Maschinerie der Gegenwart und schreibt gleichzeitig die Gesetze der Zukunft. Die Sprache unserer neuen Aufklärung ist Code. Nur wer codieren kann, gehört unter den heutigen Massstäben zur alphabetisierten Bevölkerung.

Ich gehöre nicht dazu. Das ist nach Jahren von Schule, Universität und beruflicher Entwicklung eine krasse Erkenntnis. Aber eine notwendige. Und das muss sich ändern. Ich muss neu sprechen und schreiben lernen, wenn ich die Zukunft mitgestalten will. Derzeit gibt es viele Analphabeten wie mich. Hilft nur leider nicht. Wenn in Brüssel die Bürokraten über die Regulierung von Google, Facebook und Co. nachdenken, um Chancengleichheit im Internet anzumahnen, ist das gut gemeint. Gleiches gilt für die nationalen Regierungen, die eifrig daran arbeiten, mit viel bedrucktem Papier den Weg in die digitale Zukunft aufzuschreiben (in Deutsch, Französisch, Italienisch ...) und dabei auch gleich die Macht der US-amerikanischen Internet­giganten einzudämmen. Gut gebrüllt, Löwen. Aber solange fast niemand der Beteiligten die Sprache derjenigen spricht, die vom Silicon Valley, von Indien, von Südkorea aus unsere Zukunft programmieren, bleibt das so sinnvoll wie der Versuch, einem anrollenden Panzer ein Goethe-Zitat entgegenzuschleudern. Alle Versuche, die Zukunft mit Mitteln der Vergangenheit zu regulieren, sind zum Scheitern verurteilt.

Es gibt nur einen Weg, fit für die Zukunft zu werden, und der geht über Code als die neue Sprache, die Lingua franca der digitalen Welt. Die Kinder müssen in Kita, Primarschule und Kanti codieren lernen. Das geht spielerisch und in frühem Alter viel leichter als später. Aber auch Erwachsene haben die Chance, nachzuholen, was ihnen an der Schwelle zur nächsten Stufe der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft fehlt. Es reicht nicht, die europäischen Ableger der grossen IT-Konzerne in die Schweiz zu locken. Denn solche Ansiedlungen sind nur nachhaltig, wenn die nächste Generation der programmierenden Unternehmerinnen und Unternehmer vor Ort bereitsteht.

Mutig wäre es, eine neue Revolution zu wagen, zum Vorkämpfer einer neuen Aufklärung zu werden. Stellen Sie sich vor, die Schweiz würde in einer konzertierten Aktion neu alphabetisiert in der Sprache der Zukunft: Code. Dann könnten wir selbst die Geschichten der Zukunft schreiben und müssten das nicht Google, Facebook und Co. überlassen. Wir sind das digitale Volk. Und was uns nicht passt, das programmieren wir um. Demokratischer und unternehmerischer gehts nicht.

Miriam Meckel, Chefredaktorin der «Wirtschaftswoche»


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