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Was der feministische Aufschrei verschweigt

16. November 2016, 00:00

Als Wladimir Kaminer, Autor der vergnüglichen «Russendisko», zum ersten Mal nach New York kam, wunderte er sich: Frauen könnten sich ungestraft mit nacktem Busen in die U-Bahn setzen. Männer würden hingegen bestraft, wenn sie auf die nackten Brüste starrten, notierte er erstaunt. Wir wunderten uns mit ihm. Und dachten, dass derlei Exaltiertheiten bei uns niemals möglich sein würden. Irrtum: Heute ist dergleichen auch im Bus von Bern nach Gümligen oder von Glattbrugg nach Bülach denkbar, und die öffentliche Diskussion darüber würde ähnlich verlaufen wie in den USA: Frauen haben ein Recht auf ihren eigenen Körper. Punkt. Männer verhalten sich sexistisch, wenn sie diesen Körper in «unangemessener Weise» begafften. Punkt.

Was gibt es zu einer solchen Diskussion, in der die Positionen inzwischen auch bei uns festgefahren sind, noch zu sagen? Man schaue sich nur einmal die Twitter-Lawine an, die der Hashtag #schweizer aufschrei provoziert hat: Eine endlose Liste von – aus meiner Sicht – echten und vermeintlichen sexistischen Übergriffen, strafbaren, untolerierbaren, belanglosen und unverständlichen. Fast ausnahmslos gegen männliches Fehlverhalten gerichtet und damit den Eindruck erweckend, Männer seien allesamt potenzielle Sexualtäter.

Ja, was soll man dazu noch sagen? Das ist eigentlich auch aus männlicher Sicht schnell gesagt: Sexuelle Übergriffe sind in keinem Fall «okay», wie es in den USA nach Trumps Sex-Prahlereien millionenfach hiess. Und eine grosse Mehrheit der Männer wird auch in der Schweiz diese Meinung teilen. Und sich ein Leben lang nicht übergriffig verhalten. Das scheint aber nicht zu genügen. Im «Tages-Anzeiger» fordert ein Redaktor von uns Männern, wir hätten uns der Sexismus-Debatte zu stellen. Alles andere sei «respektlos» gegenüber den Frauen. Weil Schweigen eben Zustimmung bedeute.

Nun gut, dazu gibt es tatsächlich noch etwas zu sagen. Die Aufforderung, in dieser Debatte Position zu beziehen, und zwar im moralisch und politisch korrekten Sinn, zielt im Subtext auf eine kollektive Selbstbezichtigung der Männer hin. Und tatsächlich finden wir auf diesen Twitter-Plattformen viele solcher männlicher Solidaritätsbekundungen, die zwar nie sich selbst, aber dafür «den Mann» beschuldigen, eine grausliche Fehlkonstruktion zu sein.

Damit ist die gesellschaftspolitische «Ordre de Bataille» perfekt: Im rhetorisch-moralisch-politischen Geschlechterkampf können Frauen eigentlich nichts mehr falsch machen. Sie allein entscheiden, ob die Annäherung eines Mannes tolerabel oder ein Übergriff sei. Und handle es sich nur darum, siehe #schweizer aufschrei, ob ein Schulleiter einer Junglehrerin das Du anbietet oder frau zu einem Mittagessen eingeladen wird. Zu einem Mittagessen!

Was der jungen weiblichen Generation damit suggeriert wird: Ihr könnt euch anziehen und euch benehmen, wie ihr wollt. Kein Mann hat daraus irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Dazu wäre zu bemerken, dass man heutige Mädchen und junge Frauen nicht mehr ermuntern muss, ihre weiblichen Reize zu zeigen (und manchmal wirklich höchst provozierend). Und es zeigt zweitens, dass das Wort «unpassend» auf weibliche (Nicht-)Bekleidung und weibliches Verhalten anscheinend nicht mehr angewendet werden darf.

Zugegeben: Die schrille Tonart, in der die Debatte geführt wird, hat nicht viel mit der gesellschaftlichen Realität zu tun. Das dürfte vielen Zuschauern – und auch Zuschauerinnen! – bewusst sein. Zu einer Verbesserung der Geschlechterbeziehungen wird sie aber nicht beitragen, ganz im Gegenteil. Und wenn die junge Generation klagt, dass es schwierig werde, zum anderen Geschlecht Kontakt aufzunehmen, ist das nicht zuletzt eine Folge des aufgerissenen Gender-Grabens. Doch dieser Seufzer vieler Junger hat anscheinend nicht das Potenzial für einen Twitter-Aufschrei.

Gottlieb F. Höpli, Publizist


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