Analyse

Wie schnell verpufft der neue US-Boom?

29. November 2016, 00:00

Das Spannendste am Phänomen Trump war eigentlich die Reaktion der Finanzmärkte. Nach der Wahl komme es zu einem gigantischen Absturz der Börsen, wurde prophezeit. Die Unsicherheit über die künftige Wirtschaftspolitik lasse die Aktienkurse einbrechen. Das ist nicht passiert, was viele Leute bereits frohlocken liess, dass da eben wieder mal die Pessimisten und professionellen Schwarzseher am Werk waren.

Der Trump-Crash fand nicht statt. Im Gegenteil: Pharma-Aktien und Bank-Aktien haben einen richtigen Boom erlebt. Was war passiert? Nun, die Finanzmärkte hatten mit der viel berechenbareren Hillary Clinton gerechnet. Das «Weiter so» hätte die wenigsten Risiken gebracht. Dann allerdings haben die Investoren sehr schnell gemerkt, dass die Republikaner auch Kongress und Senat gewonnen hatten, damit ist nun eine knallharte republikanische Wirtschaftspolitik möglich. Und die heisst in ihrer unübertroffenen Simplizität: Steuern runter.

Weil Donald Trump genau weiss, dass dies nicht genügt, um ihm künftige Erfolge beim Wahlvolk zu sichern, gibts dazu auch noch ein gigantisches Investitionsprogramm für die teilweise wirklich marode In­frastruktur. Beides zusammen – tiefere Steuern und massive Ausgabensteigerungen – wird natürlich zu einem gigantischen Ausbau der bereits unter US-Präsident Barack Obama stark steigenden Schulden führen. Das kümmert aber Trump nicht weiter, denn Schuldenmachen ist sein Geschäftsmodell. Niemand hat Banken derart stark gemolken wie Donald Trump. Zudem betreffen Schulden die nächste Generation, wenn Trump also ohnehin nicht mehr Präsident ist.

Die Aktienmärkte blenden den Schuldenausbau derzeit tatsächlich aus. Ganz anders die Obligationenmärkte. Dort haben die Investoren natürlich gemerkt, dass die höheren Schulden zu höheren Zinsen führen werden. Der Staat wird neue Geldgeber für die Schulden nur finden, wenn er höhere Zinsen bezahlt. Die Zinsen in den USA sind bereits stark gestiegen. Höhere Zinsen für neue Obligationen bedeutet aber auch, dass der Wert alter Obligationen sinkt. Wir haben in den letzten Wochen eine massive Wertvernichtung bestehender Obligationen gesehen. Und der wird vielen Pensionskassen und anderen institutionellen Anlegern noch wehtun. Denn viele – auch Schweizer – Pensionskassen haben vor allem aus Sicherheitsgründen viel Geld in US-Staatsanleihen investiert. Ob die Gewinne an den Aktienmärkten die derzeitigen Verluste an den Obligationenmärkten ausgleichen, ist eine spannende Frage.

Experten sehen bereits eine Billion Dollar an Werten auf den Obligationenmärkten vernichtet. Und sind die Zinsen einmal im Steigen begriffen, könnten sie weiter anziehen, denn in den USA meldet sich die Inflation zurück. Mit einer Arbeitslosigkeit von 4,8 Prozent ist die US-Wirtschaft praktisch ausgelastet. Firmen müssen heute mehr Lohn zahlen, wenn sie Fachkräfte bekommen wollen. Es ist zwar gut, wenn die Löhne steigen, allerdings wird ein Teil davon künftig der Inflation zum Opfer fallen.

Auch die Anleger könnten ihr blaues Wunder noch erleben. Denn wenn das Wirtschaftswachstum aufgrund neuer Zölle beim Handel abflacht (Trump hasst den Freihandel), gleichzeitig aber Zinsen und Inflation steigen, dann ist das ein Giftcocktail, der direkt in die Stagnation und Rezession führt. Die Anleihenmärkte sind also derzeit wesentlich kritischer als die Aktienmärkte. Wer letztlich Recht bekommt, wird sich zeigen, nur sollte man wie beim Brexit ein kurzfristiges Aufflackern der Aktienmärkte nicht als endgültiges Urteil über die künftige Wirtschaftspolitik von Donald Trump nehmen, der Boom flaut ja auch bereits ab.

Tatsache bleibt, dass der Freihandel gerade unteren Einkommensschichten viel Kaufkraft bringt. Schränkt man Handel durch Zölle und andere Hemmnisse ein, sinkt die Kaufkraft gerade der tieferen Einkommensschichten, ohne dass direkt Jobs entstehen. Klug ist, wer Freihandel durch einkommenssichernde Massnahmen bei den durch die Globalisierung am stärksten Betroffenen ausgleicht. Forscher argumentieren schon lange, dass wirtschaftlich offene Länder auch einen besonders starken Staat brauchen. Globalisierung funktioniert schon, nur braucht sie auf internationaler und nationaler Ebene Regeln. Und die muss in erster Linie ein starker Staat sichern.

Reto Lipp

SRF-Moderator («Eco»)


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