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Wie Zinédine Zidane das Lippenleser-Business ankurbelte

Sportredaktor Turi Bucher über einen grossen Fussballer, der ein grosser Trainer werden will

15. Januar 2016, 00:00

W as hat das schon zu bedeuten, wenn der ehemalige französisch-algerische Fussballsuperstar Zinédine «Zizou» Zidane mit Real Madrid nun also erfolgreich mit einem 5:0-Sieg gegen das sechstplatzierte La Coruna in seine Trainerkarriere auf oberster Stufe gestartet ist? Mit einem Team, das Hunderte von Millionen Euro auffrisst? In einer Liga, in der höchstens fünf Klubs um die ersten drei Ränge mitreden können, Rang zwei aber für Real nicht gut genug, vielmehr nichts ist.

Vom Fussballer Zinédine Zidane sind mir drei Dinge in Erinnerung geblieben.

1. Natürlich seine unwiderstehliche Art, Fussball zu spielen. Er zauberte die Finten und Finessen des Strassen- und Strandbadfussballs auf die grosse Bühne, er dribbelte und trickste auf den berühmten Rasenplätzen der Fussballwelt, als fände bloss ein Mätschli auf dem Pausenplatz statt.

2. Marcel. Ja, Marcel (Nachname der restlichen Redaktion nicht bekannt, mir aber schon). Mein früherer Primarschul- und Teamkollege von den E- bis zu den A-Junioren war ein klassischer Zidane-Typ (mit Ausnahme der Torgefährlichkeit, die den wirklichen Zidane insbesondere auszeichnete). Marcel also zog im Mittelfeld die Fäden, lancierte die Stürmer mit herrlich getimten Pässen und verzückte, solange seine im allgemeinen Vergleich stets reduzierte konditionelle Verfassung es zuliess, die Talentspäher mit seiner Technik und seiner Ballbeherrschung. Regelmässig wurde er – zu meinem persönlichen Ärger und Groll – zum besten Spieler des Matchs gewählt. Ausser aber, sein Gegenspieler offenbarte sich als ein Eisenfuss mir rauer Gangart und gröberer Art der Manndeckung. Da verlor Marcel (oder «Mäzi», das «z» wie bei «Zizou» als «s» ausgesprochen) die Lust am Fussballspielen sehr schnell.

Und damit wären wir wieder beim wirklichen Zinédine Zidane und bei Punkt 3 beziehungsweise beim WM-Final 2006. «Zizou» chippte in der 7. Minute locker lässig einen Penalty zum 1:0 ins italienische Tor. Zehn Minuten vor Ende der Verlängerung kam es beim Stande von 1:1 aber zu einem denkwürdigen Zwischenfall, der die Karriere von Zidane unrühmlich beendete.

Zidane verlor nach einem verbalen Schlagabtausch mit Italiens Aufräumer Materazzi die Nerven und rammte dem Abwehrspieler von Inter Mailand seinen Kopf in die Brust. Nach kurzer Beratung mit seinem Linienrichter beendete der Schiedsrichter die Karriere des genialen Captains mit der roten Karte. Zidane verweigerte daraufhin die Teilnahme an der Siegerehrung. Es war ein unwürdiger Abgang, der einen weiteren Skandal auslöste: die Verurteilung von Materazzi aufgrund der Erkenntnisse und Resultate von Lippenlesern. Bald ist es schon zehn Jahre her, und seither sind Fussballspiele für Lippenleser ein lukratives Geschäft, sie verkaufen ihre Arbeit vor allem an die Boulevardpresse. Und seither, das haben Sie im TV während einer Übertragung eines Fussballspiels sicher auch schon beobachten können, sprechen Trainer und Fussballer nur noch hinter vorgehaltener Hand.

Zurück zu Zidane, der am Sonntagnachmittag gegen Sporting Gijon seinen zweiten Auftritt als Real-Madrid-Trainer hat. Kenner der Szene rund um das königliche Ciudad in Madrid wollen bereits wissen, dass Zidane im Sommer durch José Mourinho ersetzt wird, es sei denn, Real beziehungsweise Zidane gewinnt mindestens einen Titel (Champions League oder Primera Division). Unvermeidlich: Zidane wird in Zukunft auch als Trainer verbale Provokationen und sogenannten Trashtalk aushalten müssen, womöglich, und das wird ganz neu für ihn sein, sogar aus seinem näheren Umfeld.

Für mich, und das sage ich jetzt nicht hinter vorgehaltener Hand, wird sich Zidane als Trainer sowieso erst richtig beweisen können, wenn er dereinst in Frankreich oder Spanien einen durchschnittlichen Mittelfeldklub zum Erfolg führen muss.


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