Dompteurin der farbigen Kugeln

BILLARD ⋅ Die 27-jährige Claudia von Rohr aus Ebikon ist die beste Schweizerin ihres Faches. Vor der EM, die Ende Woche beginnt, erlebte sie einen regelrechten Hype um ihre Sportart.
14. März 2017, 00:00

Theres Bühlmann

theres.buehlmann@luzernerzeitung.ch

Sie fand sich in einer für sie neuen Welt. Wie auf Wolken. Umgeben von Autogrammjägern, zuvorkommend behandelt, wie es den ganz Wichtigen dieser Welt, den VIPs eben, zuteilwird. All dies erlebte die 27-jährige Claudia von Rohr aus Ebikon kürzlich im chinesischen Taipeh City, wo mit dem Amway-Cup eines der grössten Frauenturniere zur Austragung gelangte. Diesen Hype löste eine Sportart aus, von der man es in unseren Breitengraden wohl kaum erwarten würde, die in Asien aber sehr hoch im Kurs steht: Billard, genauer gesagt widmet sich Claudia von Rohr dem Pool-Billard, und dies mit viel Engagement und grosser Leidenschaft.

Der Traum vom eigenen Billardtisch

Im Alter von 11 Jahren probierte die aus Zürich stammende Sportlerin – nach Ebikon kam sie der Liebe wegen – beim Ferienpass viele Sportarten aus, aber so richtig mochte der Funke nicht überspringen. Dann belegte sie Billardkurse – und das war sie dann, ihre Sportart. Ihr Talent fiel ihrem damaligen Trainer auf, «und er bat meine Mutter, mich doch zu fördern». Was sich lohnte, denn Claudia von Rohr ist heute die Nummer 1 bei den Frauen auf nationaler Ebene. Was für den Zuschauer so leicht aussieht, ist das Ergebnis immenser Arbeit.

Fünf Stunden trainiert die dem BC National Luzern angehörende Spielerin in der Woche, vor wichtigen Turnieren erhöht sich das Pensum um das Doppelte. Da gilt es, Technik und Spielsituationen zu analysieren und zu diskutieren, und ein grosses Augenmerk wird dem mentalen Aspekt gewidmet, «und deshalb arbeite ich mit einer Mentaltrainerin zusammen», sagt sie. Den konditionellen Schliff holt sie sich beim Badminton-Spielen, dies zusammen mit einer Kollegin, und sie besucht regelmässig Zumba-Lektionen. Ein Programm, bestehend aus Fitness und Tanz, welches einen ganz schön ins Schwitzen bringen kann.

Claudia von Rohr ist verheiratet mit Patrick, der übrigens auch Billard spielt, «dies aber mehr als Hobby betrachtet», und ist Tagesmutter, «ein sehr schöner Beruf, denn Kinder geben einem sehr viel».

EM-Ziel: Gewinn einer Medaille

Da stellt sich die Frage: Steht bei den von Rohrs irgendwo ein Billardtisch? «Leider nein», sagt Claudia von Rohr, «dies wäre mein grösster Traum. Dann könnte ich auch zu Hause trainieren, denn der Weg zur Trainingsstätte nach Littau nimmt Zeit in Anspruch.» Vielleicht geht dieser Traum doch noch in Erfüllung, «wir haben unser Wohnzimmer ausgemessen», sagt sie lachend. Da braucht es schon Platz, so ein Billardtisch misst in der Länge fast 2,5 Meter, berücksichtigt werden muss dann auch noch genügend Raum, damit die Bewegungsfreiheit rund um den Tisch nicht eingeschränkt wird.

Zurück zum Wettkampf in Taipeh City, mit 93000 Dollar dotiert, bei dem 40 Frauen am Start waren, wobei sich 95 Prozent im Profistatus befinden. Claudia von Rohr qualifizierte sich für diesen Anlass dank ihrer guten Resultate auf der Euro-Tour. In Taiwan belegte sie den letzten Platz, auch dafür gab es noch ein kleines Preisgeld, «welches allerdings nicht einmal die Spesen deckte». Doch wichtiger sind ihr die Erfahrungen, die sie dort gesammelt hat und die ihr nun für die Europameisterschaften in Portugal (18. bis 28. März) nützlich sein können. Die Ziele sind anvisiert: «Ich möchte eine Medaille gewinnen.» Vielleicht wäre dies eine Motivation, Billard noch stärker in ihr Leben einzubinden und Profi zu werden. «Mein Mann und ich machten uns diesbezüglich auch schon Gedanken», erklärt sie. «Wir haben ein Sponsoren-Konzept erstellt, denn ohne Geldgeber geht es nicht, und ich reduzierte mein Arbeitspensum auf 60 Prozent. So würde dann mehr Zeit bleiben, mich intensiver dem Billardspiel zu widmen.»

Der Dresscode am Tisch

Doch erst einmal heisst es in den nächsten Tagen wieder Koffer packen, wobei Powerriegel nicht vergessen werden dürfen. Auch die richtige Kleidung ist von Bedeutung, müssen sich doch Billardspielerinnen und -spieler an einen Dresscode halten: dunkle Tuchhose oder knielanger Rock und elegante Lederschuhe. Poloshirts oder Blusen, die dürfen dann aber etwas Farbe aufweisen. Claudia von Rohr kommt auch auf Fans und Zuschauer zu sprechen, die sich meistens ruhig verhalten und konzentriert das Prozedere am Tisch verfolgen. Ihrer Ansicht nach könnten diese aber schon etwas emotionaler mitgehen. «Natürlich gibt es Spielerinnen und Spieler, die werden bei jedem Pieps verrückt, aber ich mag es, wenn die Wettkämpfe stimmungsvoll sind.» So wie beim jährlichen Aufeinandertreffen zwischen den USA und Europa, «da tobt die Halle, und dies zeigt, dass es funktioniert, wenn es laut wird», so Claudia von Rohr.

Etwas darf in ihrem Gepäck neben dem Queue, so nennt man den Spielstock beim Billard, nicht fehlen – ein kleiner Engel als Talisman. Möge er ihr Glück bringen.

Hinweis

Mehr Infos zum Pool-Billard unter: www.swisspool-billard.ch


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