Abstecher in eine «andere Welt»

HANDBALL ⋅ Das Schweizer Nationalteam der Frauen traf am Sonntag vor einer Rekordkulisse in Olten auf Weltmeister Norwegen. Sabrina Amrein, die 21-jährige Flügelspielerin aus Nottwil, machte dabei positiv auf sich aufmerksam.
03. Oktober 2017, 00:00

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

12:29 – die Kräfteverhältnisse liessen keine Zweifel offen, die Schweizerinnen waren am Sonntag im EM-Qualifikationsspiel gegen die Weltmeisterinnen aus Norwegen chancenlos. «Die Athletik, die Schnelligkeit, das Auftreten auf dem Platz – wir trafen auf eine andere Welt», erzählt Sabrina Amrein und ergänzt: «Danach machten jene Norwegerinnen, die nicht oder nur wenig spielten, Intervalltrainings, um zu zeigen, dass sie das nächste Mal mehr Einsatzzeit wollen. Das war schon eindrücklich.»

Die linke Flügelspielerin der Spono Eagles machte aber auch eine gute Figur. In den letzten 20 Minuten, in denen sie der scheidende Trainer Jesper Holmris auf den Platz schickte, bezwang sie Weltklasse-Keeperin Silje Solberg zweimal mit einem Aufsetzer. «Ich habe dabei nichts überlegt. Das Spiel genoss ich, das sind halt schon Namen, die kannte ich letztes Jahr nur vom TV», schwärmte Amrein vom Gegner. Speziell war auch die Atmosphäre in der Oltener Stadthalle: Mit 1675 Zuschauern registrierte der Schweizer Handballverband einen Rekord für ein Heimspiel des Frauen­nationalteams (davor 1550).

Lust auf weitere Auslandabenteuer

Für Sabrina Amrein war die Begegnung mit Norwegen erst das dritte Länderspiel; im letzten Juni im Test gegen die Slowakei gab die 21-Jährige ihr Debüt für die Schweiz. «Das war immer mein Ziel, nun habe ich diesen Schritt gemacht», freut sie sich. Auf Einsätze im rot-weissen Dress zu verzichten, wie es im hiesigen Frauen­handball immer wieder vorkommt, ist für sie kein Thema. «Ich bin sehr ehrgeizig und investiere viel in meinen Sport. Wenn ich für die Schweiz spiele, bekomme ich für diesen Aufwand etwas zurück.» Mit den gleichaltrigen St. Gallerinnen Jennifer Murer und Zerin Özcelik liefert sie sich im Nationalteam einen gesunden Konkurrenzkampf.

Amrein macht kein Geheimnis daraus, dass sie nach mehr strebt, «früher oder später will ich ins Ausland», sagt die ETH-Studentin (Gesundheitswissenschaften und Technologie). In der Saison 2015/16 verbrachte sie bereits ein Jahr an der dänischen Handballakademie in Aarhus, wo Nationaltrainer Holmris arbeitete. Parallel zum Sport absolvierte sie eine Dänischklasse, eine Ausbildung zum Handballcoach und einen Leadership-Kurs. «Persönlich hat mir diese Zeit viel gebracht», erzählt Amrein, die mittlerweile passabel Dänisch spricht. Auch handballerisch sei sie weitergekommen, vor allem in athletischer Hinsicht, auch wenn die Einsätze mit Skovbakken in der dritthöchsten Liga des Landes nicht allzu anspruchsvoll gewesen seien.

Trainer Urs Mühlethaler braucht Überredungskünste

2016 kehrte sie nach Nottwil zurück, spielte zuerst in der zweiten Mannschaft in der SPL2, um in der Rückrunde der letzten Saison schliesslich zur Stammspielerin in der ersten Mannschaft aufzusteigen. «Aufgrund der vielen Verletzten brauchte es eine Flügelspielerin», erklärt sie bescheiden. An ihrem Stellenwert hat sich aber auch in der neuen Spielzeit nichts verändert, gemeinsam mit Toptransfer Neli Irman, die am rechten Flügel spielt, hat sie nach drei Runden intern sogar am meisten Treffer erzielt – 14 an der Zahl.

Es läuft ihr derart gut, dass sie sich mit dem Positionswechsel angefreundet hat. Die 1,72 Meter grosse Rechtshänderin ist nämlich eine gelernte Aufbauerin, und es brauchte im letzten Winter einiges an Überzeugungsarbeit von Trainer Urs Mühlethaler, bis sich Amrein an den linken Flügel verschieben liess. «Im Rückraum kann ich halt viel mehr Verantwortung übernehmen, am Flügel muss ich auf die Bälle warten.» Bei den Spono Eagles seien die Aussenpositionen aber gut ins Spiel einbezogen, «auf beiden Seiten haben wir gute Flügel, das macht unser Spiel breiter und weniger lesbar». Dass sich die angestrebte internationale Karriere am Flügel eher realisieren lässt, zeigte ihr Jahr in Dänemark. Auch Holmris setzte sie in den Trainings des 1.-Liga-Teams von Aarhus am linken Flügel ein – so, wie er es auch im Schweizer Nationalteam tat.

Drei Spiele in einer Woche für die Spono Eagles

Verschnaufpausen gibt es für Sabrina Amrein, die in Nottwil einmal pro Woche Individualtrainings für die U16-Juniorinnen leitet, vorderhand keine. Innert zwölf Tagen stehen für sie nicht weniger als fünf Partien auf dem Programm. Vor dem Duell mit Norwegen war sie in der EM-Qualifikation mit der Schweiz nach Kroatien gereist, wo sie am Mittwoch allerdings nicht zum Einsatz gekommen war. Heute geht es bereits weiter, mit den Spono Eagles tritt sie zum Sechzehntelfinal im Schweizer Cup bei Erstligist Emmen an (20.30, Rossmoos).

Am nächsten Freitag folgt das Auswärtsspiel in der Meisterschaft bei GC Amicitia Zürich, ehe am Sonntag zu Hause das Spitzenspiel gegen den LC Brühl folgt. Im Gegensatz zu ihren Auftritten im Schweizer Nationalteam sollen sich die Kräfteverhältnisse dann wieder zu ihren Gunsten verschieben.


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