«Du schaffst das»

KUNSTTURNEN ⋅ Es ist eine der trainingsintensivsten Sportarten. Schritt für Schritt werden Kunstturnerinnen aufgebaut. Auch wenn es nicht alle ganz nach oben schaffen: Die Freude überwiegt, wie beim Nachwuchs in Kriens zu sehen war.
16. Mai 2017, 00:00

Theres Bühlmann

theres.buehlmann@luzernerzeitung.ch

Für einmal waren in der Krauerhalle in Kriens am Wochenende keine strammen Handballerwaden oder ausgeprägte Bizeps gefragt, sondern elegante, feingliedrige, anmutige Athletinnen. Turnen war angesagt, genauer gesagt der Kunstturnerinnentag Luzern, der zum zehnten Mal über die Bühne ging. Ein Hauch von Jubiläum lag in der Luft, zumal die Kunstturnerinnenriege des BTV Luzern ihr 50-Jähriges Bestehen feiert. OK-Präsidentin Yolanda Ammann zeigte sich omnipräsent und sorgte mit ihrer Crew für einen reibungslosen Ablauf.

Herzklopfen in den Griff bekommen und durchatmen

Jubiläen hin oder her, für die rund 350 Turnerinnen aus der ganzen Schweiz – neben Akteurinnen des BTV Luzern auch solche aus Küssnacht und Altdorf – standen Boden, Schwebebalken, Stufenbarren und der Sprung im Fokus. Vor jedem Wettkampf kommt der Einmarsch mit Musik, das Aufwärmen – und das Warten, bis das Gerät freigegeben wird. Das Herzklopfen in den Griff bekommen, einfach tief durchatmen.

Bettina Schurtenberger, verantwortliche Trainerin der Luzernerinnen, hatte am letzten Wochenende beide Hände voll zu tun. Besorgt, dass alle am richtigen Gerät Aufstellung nehmen, die Glücksbringer an der Seite deponieren, die letzten Anweisungen und Tipps geben und viel Aufmunterung: «Du schaffst das.» Die Kleinsten mussten an den obersten Holm des Stufenbarrens hochgehoben werden, grosse Freude bei allen, wenn die Übung gelang – und dann das Abklatschen. Natürlich sind die Übungen der Jüngsten, jene, welche zum Beispiel das Einführungsprogramm (ab 5–6 Jahren) absolvierten, noch nicht sehr gehaltvoll, der Applaus der zahlreich anwesenden Zuschauer war ihnen aber sicher.

Einstieg ist früh und trainingsintensiv

Auch die älteren Turnerinnen zeigten gute Kunstturnkost, zelebrierten Kunst beim Turnen – ausdrucksstark und gepaart mit technischer Versiertheit. Und immer wieder Gerätewechsel, in Reih und Glied aufstellen, die richtige Reihenfolge beachten und zackigen Schrittes die nächste Aufgabe in Angriff nehmen. «Lauft dann schön», schickte eine Trainerin ihren Turnerinnen hinterher. Auffallend bei den Akteurinnen waren die Frisuren, kunstvoll geflochtene Zöpfe. Oder hochgesteckt, wie man dies auch von den ganz Grossen bei internationalen Wettkämpfen kennt.

Dort möchten viele hin, nach ganz oben. Kunstturnen gehört zu den trainingsintensivsten Sportarten und bedingt einen frühen Einstieg. «Bestes Alter ist 5 Jahre, um mit dem Einführungsprogramm zu beginnen», sagt Bettina Schurtenberger. Wobei in diesem Alter bereits vier Stunden Training in der Woche angesagt sind. Und dieses steigert sich sukzessive. Turnerinnen im Programm 1 (7–8 Jahre) des BTV Luzern stehen dann drei Mal in der Woche für je 3 Stunden in der Halle. 9- bis 12-Jährige wenden dann schon mal 12 bis 14 Stunden in der Woche auf.

«Wir sind mit unseren Trainingseinheiten gegenüber den regionalen Leistungszentren am unteren Limit», sagt Bettina Schurtenberger. Spitzenturnerinnen wie Giulia Steingruber haben einen Trainingsaufwand von wöchentlich 32 Stunden. Kunstturnen gehört zweifellos zu den schönsten und attraktivsten Sportarten. Doch der Weg an die Spitze ist nicht einfach. Ein Weg, gepaart mit Tränen und Triumphen, mit Einsamkeit und Trubel, mit ganz oben stehen, doch manchmal wieder ganz unten.

Ehemalige Spitzencracks können ein Lied davon singen – oder ein Buch darüber schreiben. Um international zu reüssieren, spielen viele Faktoren mit: ein unbändiger Wille, grosser Verzicht, Gesundheit und das Wachstum. Aber auch das Engagement der Eltern und die schulische Ausbildung fallen stark ins Gewicht. Nicht alle können oder wollen diesen grossen Aufwand dauerhaft auf sich nehmen, wechseln zu artverwandten Sportarten wie Trampolinturnen, Tanzen, Aerobic oder Geräteturnen.

Weit nach oben möchte es im Kunstturnen auch Shirin Niederberger bringen, die 15-jährige Krienserin in den Reihen des BTV Luzern. Sie eifert, man ahnt es, Giulia Steingruber nach. Im Alter von 4 Jahren kam sie mit ihrem Sport in Kontakt. «Ich bin zu Hause immer rumgehüpft», sie besuchte ein Schnuppertraining beim BTV Luzern – und blieb. 10 Stunden in der Woche wendet die Kantischülerin (3. Klasse Alpenquai Luzern) für ihr Training auf. «Manchmal», sagte sie, «ist es schon etwas stressig, aber ich habe grosse Freude an diesem Sport.» Viel Zeit neben Training und Schule bleibt ihr nicht, wenn sich in der Agenda eine Lücke findet, dann liest sie gern oder unternimmt mit Kollegen etwas.

Wenn irgendeinmal nichts mehr geht

Sie konnte beim Wettkampf am Wochenende auf den Support ihrer Eltern und ihrer Tante zählen, «sie wollte mich immer schon einmal beim Wettkampf sehen.» Shirin Niederberger ist eine aufgestellte Person, doch es gab in ihrer Laufbahn als Kunstturnerin auch schon eine Krise. «Irgendeinmal ging nichts mehr», erzählt sie, «da habe ich ein halbes Jahr ausgesetzt.» Sie konnte sich aber wieder motivieren, «denn meine Kunstturnkolleginnen sind wie meine zweite Familie». Und schob nach: «Ich habe wieder Spass an meinem Sport und bin mit Leidenschaft Kunstturnerin.»

Eine der erfolgreichsten Schweizer Kunstturnerinnen trug einst den Namen des BTV Luzern in die Welt: Ariella Kaeslin – unter anderem Europameisterin und WM-Zweite im Sprung. Seitdem hat es keine Luzernerin mehr in ein Kader geschafft. Doch es gibt Lichtblicke am Horizont. «Wir haben einige Talente beim EP und Programm 1, die zu berechtigten Hoffnungen Anlass geben», sagte eine Leiterin.

Auch ein Grund zum Feiern.

Hinweis

Die kompletten Ranglisten unter: www.kunstturnerinnen.ch

«Wir sind mit unseren Trainingseinheiten gegenüber den regionalen Leistungszentren am unteren Limit.»

Bettina Schurtenberger

Trainerin BTV Luzern


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